Klimawandel

Forscher warnen: Atlantikströmung kurz vor dem Kollaps

| Lesedauer: 6 Minuten
Studie: Atlantik-Strömung so schwach wie seit 1000 Jahren nicht mehr

Studie: Atlantik-Strömung so schwach wie seit 1000 Jahren nicht mehr

Klimaforscher fanden heraus, dass die Atlantik-Strömung zusammenbrechen könnte. Das könnte weltweit gravierende Folgen haben.

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Berlin  Der Golfstrom hat stark an Stabilität verloren, ein System-Zusammenbruch droht. Gewarnt wird vor Folgen für Wettersysteme weltweit.

  • Forscher vom Potsdamer Institut für Klimaforschung schlagen Alarm
  • Es droht der Kollaps einer Meeresströmung im Atlantik
  • Das könnte das Wetter in Europa beeinflussen

Überschwemmungen, Brände, mehr Regen, mehr Hitzetage. Der Klimawandel und seine Folgen sind spürbar. Jetzt haben Forscher Veränderungen an der Meeresströmung bemerkt, die fatale Folgen für die Umwelt und für das Wetter in Mittel- und Nordeuropa haben könnte.

Denn die Golfstromzirkulation ist die Klimaanlage Europas. Die Meeresströmung sorgt dafür, dass die Temperaturen hierzulande angenehm bleiben und Temperaturspitzen nach unten und oben abmildert werden. Fraglich ist, ob diese Klimaanlage noch so gut funktioniert.

Atlantikströmung hat an Stärke verloren, eine Gefahr für das Meeressystem

Eine wichtige Strömung im Atlantik, zu der auch der Golfstrom gehört, hat nun im Laufe des letzten Jahrhunderts möglicherweise an Stabilität verloren. Das belegt eine neue Studie im Fachjournal "Nature Climate Change", über die das daran beteiligte Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) berichtet.

Es geht dabei um die sogenannte atlantische Umwälzströmung, kurz AMOC (Atlantic Meridional Overturning Circulation). Diese Meeresströmung bringt warme Wassermassen aus den Tropen an der Meeresoberfläche nach Norden und kaltes Wasser am Meeresboden nach Süden, was für die milden Temperaturen in Europa von großer Bedeutung ist.

Außerdem beeinflusst sie Wettersysteme weltweit. Ein möglicher Zusammenbruch dieses Meeresströmungssystems könnte den Forschern des PIK zufolge daher schwerwiegende Folgen haben.

Ein schwacher Golfstrom würde globale Erderwärmung etwas dämpfen

„Wenn sich der Golfstrom abschwächt, würde das die globale Erderwärmung zwar etwas dämpfen, aber sie wäre immer noch stark. Dazu kommt, dass auch nicht mehr so viel CO2 durch die Meere aufgenommen werden würde, welches dann in der Luft bliebe", erklärt Prof. Mojib Latif von Geomar, dem Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel, der nicht an der Studie beteiligt war.

Es sei allerdings klar, dass der Golfstrom sich langfristig abschwächen werde, "wenn die globale Erwärmung in dem Tempo weitergeht", so Latif, "aber wo wir heute genau stehen, ist Gegenstand der wissenschaftlichen Diskussion.“

Ganze Tierarten wären von Klimakatstrophe im Atlantik betroffen

Zudem könnte es für die Tierwelt fatale Auswirkungen haben. „Für die Meeresökosysteme wäre eine Abschwächung des Golfstroms eine große Veränderung, die viele Tierarten bedroht", sagte Latif. Auch der Meeresspiegel würde im nordatlantischen Raum deutlich mehr steigen als im globalen Durchschnitt. Was zur zur Folge hätte, dass der Küstenschutz angepasst werden müsste.

Andreas Brömser, Diplom-Meterologe beim Deutschen Wetterdienst ist etwas zögerlicher mit seinem Urteil über die Studie: Ihm zufolge könnte es zwar sein, dass wenn sich der Golfstrom abschwächt, auch die Erderwärmung abgemildert würde, "aber ob das wirklich und in welchem Ausmaß passiert, wissen wir nicht genau".

Ursachen: Abschmelzen des Eises in Grönland, zunehmende Niederschläge

"Die AMOC ist eines der wichtigsten Zirkulationssysteme unseres Planeten", sagt der Autor der Studie, Niklas Boers vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, der Freien Universität Berlin und der Universität Exeter.

Was zu der möglichen Abschwächung der Atlantikströmung geführt haben kann, erklärt Boers mit einer Reihe von Faktoren. Dazu gehören der Süßwasserzufluss durch das Abschmelzen des grönländischen Eisschilds, durch das schmelzende Meereis, durch zunehmende Niederschläge und durch Wasser aus Flüssen.

Süßwasser ist leichter als Salzwasser und verringert die Tendenz des Wassers im Nordatlantik, von der Oberfläche in größere Tiefen abzusinken, was einer der Antreiber der Umwälzung der Meeresströmung ist.

Die Faktoren müssen weiter untersucht werden – stehen aber mit dem Klimawandel in Verbindung

"Ich hätte nicht erwartet, dass die zusätzlichen Mengen an Süßwasser, die im Laufe des letzten Jahrhunderts in den Ozean flossen, bereits eine solche Reaktion der AMOC hervorrufen würden", sagt Boers. "Wir müssen unsere Modelle dringend mit den vorliegenden Beobachtungen in Einklang bringen, um zu beurteilen, wie weit die AMOC tatsächlich noch vom kritischen Schwellwert entfernt ist."

Auch wenn die jeweilige Bedeutung der verschiedenen Faktoren noch weiter untersucht werden müsse, meint Boers, stünde sie mit dem vom Menschen verursachten Klimawandel in Verbindung.

Auch Mojib Latif hebt die Bedeutung der noch laufenden Untersuchungen hervor. Zwar sei klar, der Golfstrom werde sich langfristig abschwächen, wenn die globale Erderwärmung in dem Tempo weitergehe, "aber wo wir heute genau stehen, ist Gegenstand der wissenschaftlichen Diskussion.“

Meeresströmung so schwach wie seit tausend Jahren nicht

Die Meeresströmung AMOC sei derzeit so schwach wie nie zuvor in den vergangenen tausend Jahren. Bisher war jedoch offen, ob die beobachtete Abschwächung lediglich einer Änderung des mittleren Zirkulationszustands entspreche oder ob sie mit einem tatsächlichen Verlust an dynamischer Stabilität einhergehe.

"Der Unterschied ist entscheidend", sagt Niklas Boers, "denn eine Verringerung der dynamischen Stabilität würde bedeuten, dass sich die AMOC ihrer kritischen Schwelle genähert hat, jenseits derer ein erheblicher und in der Praxis wahrscheinlich unumkehrbarer Übergang zum schwachen Zirkulationsmodus stattfinden könnte."

Langfristige Daten über die Stärke von AMOC gibt es nicht

Langfristige Beobachtungsdaten über die Stärke der AMOC gebe es leider nicht, aber die AMOC hinterlasse "Fingerabdrücke" in den Temperatur- und Salzgehaltsmustern der Meeresoberfläche des Atlantischen Ozeans.

"Eine detaillierte Analyse dieser Fingerabdrücke in acht unabhängigen Indizes deutet nun darauf hin, dass die Abschwächung der AMOC während des letzten Jahrhunderts in der Tat wahrscheinlich mit einem Stabilitätsverlust verbunden ist", sagt Boers.

Die Ergebnisse würden nun belegen, dass der Rückgang der Meeresströmung nicht nur eine Reaktion auf steigende Temperaturen ist, sondern wahrscheinlich das Herannahen einer kritischen Schwelle bedeute, jenseits derer das Zirkulationssystem zusammenbrechen könnte.

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