„Volkswagen gehört zu Braunschweig wie der Löwe“

Braunschweig.   Uwe Fritsch und Werner Gose sprechen über die Bedeutung des Werks für die Region - und über seine elektrische Zukunft.

Das Hauptwerk von Volkswagen an der Gifhorner Straße in Braunschweig. Im Hintergrund ist das Stadion zu sehen.

Das Hauptwerk von Volkswagen an der Gifhorner Straße in Braunschweig. Im Hintergrund ist das Stadion zu sehen.

Foto: Volkswagen

Es war das erste aller Werke des Volkswagen-Konzerns: Im Februar 1938 ist das VW-Werk Braunschweig als sogenanntes Vorwerk gegründet worden. Damit begann der Bau rund drei Monate, bevor Adolf Hitler am 26. Mai 1938 den Grundstein für das Volkswagen-Werk in Wolfsburg legte.

Nach zahlreichen bangen Momenten um die Zukunft des Standorts hat die Werksleitung den Standort in den vergangenen Jahren neu aufgestellt und will Volkswagen elektrisch in die Zukunft begleiten. Über die dunklen Momente und Sternstunden sowie die Pläne für das Werk sprechen Werkleiter Werner Gose und der Betriebsratsvorsitzende des Werks, Uwe Fritsch. Das Interview wurde schriftlich geführt.

Die Bereitschaft zum Wandel ist Teil des Erfolgskonzepts des VW-Werks Braunschweig. Mit der Batteriefertigung hat das Werk nun einen entscheidenden Schritt in die Zukunft gemacht. Sehen Sie das Werk langfristig gesichert?

Der Standort Braunschweig ist mit der Entwicklung und der Fertigung von Batteriesystemen ein Treiber für die Elektromobilität und profitiert von den jüngsten Entscheidungen – zum Beispiel der, die Batteriesysteme für die Fahrzeuge der ID.-Familie künftig in unserer neuen Halle 32A am Hafen zu fertigen. Das sichert Arbeitsplätze.

Mit der weiteren Ausrichtung auf die E-Mobilität werden nicht nur heute die Arbeitsplätze gesichert, sondern auch die von morgen. Nachhaltige Beschäftigungssicherung steht für uns ganz oben auf der Agenda. Das ist auch eine Stärke der aktuellen Planungsrunde. Gleichzeitig geht das aber auch mit Veränderungen einher. Diese Transformation bei Produkten, Arbeitsplätzen und Qualifikationen betrifft den gesamten Standort.

Nicht alle können diesen Weg mitgehen, das Werk beschäftigte zuletzt rund 600 Mitarbeiter weniger als noch vor drei Jahren. Wie hat die Belegschaft den Transformationsprozess mitgetragen?

Mit dem Zukunftspakt wurden die Leitplanken für Volkswagen definiert. Das bedeutet auch einen sozialverträglichen Abbau von Arbeitsplätzen unter dem Dach der Beschäftigungssicherung und entlang der demografischen Kurve. Die Chance der Altersteilzeit für ältere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kommt gut an. Ältere Arbeitnehmer scheiden aus und machen so Platz für junge Menschen, die noch am Anfang ihrer Karriere stehen. Bisher habe ich die Mannschaft in Braunschweig als engagiert, hochflexibel und stark mit ihren Produkten identifiziert erlebt.

Selbstverständlich hat es anfangs auch große Unsicherheit in der Belegschaft gegeben. Was kommt auf mich zu? Was bedeutet die Veränderung für mich persönlich? Durch gezielte Kommunikation und vor allem Beteiligung ist nicht nur die Einsicht in die Notwendigkeit gewachsen. Wir haben immer gesagt: Wir lassen keinen in diesem Prozess zurück.

Nur wenn wir den Wandel mitgestalten, stärken wir Braunschweig. Mittlerweile verbinden viele Kolleginnen und Kollegen mit dem Umbruch auch die ganz persönliche Chance auf positive Veränderung. Dabei spielt die Bereitschaft zur kontinuierlichen Qualifizierung eine große Rolle.

Die Komponentenfertigung soll in Geschäftsfeldern gesteuert werden. Was ist darunter zu verstehen? Und was bedeutet das für das Werk Braunschweig und seine Mitarbeiter?

Mit dem Jahreswechsel 2018/2019 wird die Konzern-Komponente eine eigenständige unternehmerische Einheit werden. Diese Neuausrichtung hat zum Ziel, die Effizienz zu steigern und Investitionen zu optimieren. Innerhalb des Geschäftsfelds Fahrwerk spielt Volkswagen Braunschweig als Leitwerk für Fahrwerk-Komponenten dabei eine wichtige Rolle. Für uns heißt diese Neuausrichtung, dass wir noch mehr Verantwortung als bisher für unsere Produkte, unsere Prozesse, unsere Gewinne und unsere Investitionen bekommen.

Mit der schon seit über einem Jahr eingeführten Struktur der Kompetenz-Center sind wir da bestens aufgestellt. Die Kompetenz-Center arbeiten heute schon quasi wie Unternehmen im Unternehmen.

Ab dem kommenden Jahr, also in wenigen Tagen, wird die Komponente bei Volkswagen neu aufgestellt. Sie arbeitet dann konzernweit und ist wirtschaftlich und unternehmerisch eigenständiger.

Diese Selbständigkeit haben wir von der Arbeitnehmerseite immer unterstützt. Eigentlich bedeutet das für uns in Braunschweig nichts Neues. Wir haben schon seit ein paar Jahren im Werk Kompetenz-Center entlang der wesentlichen Produktgruppen. Das steigert Flexibilität und Eigenverantwortung. Braunschweig bleibt auch in Zukunft das Leitwerk bei Volkswagen für das Fahrwerk.

Was würden Sie als Sternstunde für das Werk Braunschweig bezeichnen? Und welche Stunde war eine besonders dunkle?

Wir stehen mit unseren Produkten immer im Wettbewerb zu anderen Zulieferern. Wir müssen uns mit unseren Produkten, wie zum Beispiel Achsen und Lenkungen, in puncto Wirtschaftlichkeit, Qualität und Liefertreue immer wieder durchsetzen. Darauf ist die Belegschaft stolz.

Deshalb war es ein Tiefschlag, als es in 2005 Kräfte auf der Unternehmensseite gab, die den Standort verkaufen wollten. Aus dieser Auseinandersetzung sind wir aber gestärkt hervorgegangen.

Seitdem gibt es eine Vereinbarung zur Sicherung der Komponente bei Volkswagen. Sie ist die Grundlage für den bisherigen Erfolg, sowohl wirtschaftlich als auch in Bezug auf die Arbeitsplätze. Eine der wichtigsten Entscheidungen der letzten Jahre war sicherlich die Entscheidung der Montage der Batteriesysteme für Braunschweig.

Herr Fritsch, Sie haben einmal gesagt, dass Sie Komponenten für alle Konzernmarken und -Fahrzeuge herstellen wollen. Ein ambitioniertes Vorhaben, wie könnte es in Erfüllung gehen?

Die Komponente und dabei besonders das Werk Braunschweig beliefert schon heute viele Marken des Konzerns, wie zum Beispiel Audi, Porsche, Skoda und mehr. Mit der Konzern-Komponente wird dieser Weg nur noch stringenter weitergegangen und weiter ausgebaut. Es gilt, Synergien konsequent zu nutzen, Doppelarbeit zu vermeiden und so noch wirtschaftlicher zu produzieren. Das wollen wir tun, denn so sichern wir auch Beschäftigung.

Herr Gose, welche Pläne haben Sie für das Werk?

In einem Satz: Stärken stärken, Schwächen mindern. Heißt, wir überprüfen unser Produktportfolio konsequent auf Wirtschaftlichkeit und setzen auf Ausbau und Stabilisierung von Batterie und Lenkung. Das gilt gleichermaßen für die Entwicklung von Zukunftskomponenten. Wir haben exzellente Planer und Entwickler am Standort – eine sehr wichtige Kompetenz und ein klarer Know-how-Vorteil.

Was wünschen Sie sich für das Werk Braunschweig beziehungsweise für die Region, damit das Werk weiter florieren kann?

Wir sind ein fester Bestandteil der Region. Volkswagen gehört zu Braunschweig wie der Löwe auf dem Burgplatz. Wir wollen die ohnehin enge Einbindung in die Region weiter ausbauen. Dazu könnten gemeinsame Projekte wie der Ausbau Ladeinfrastruktur für E-Autos beitragen. Die Region Wolfsburg Braunschweig könnte sich zu einem Vorreiter beim Thema E-Mobilität entwickeln. Außerdem wünsche ich mir, dass wir als Komponente auch weiterhin in der obersten Liga mitspielen.

Elektromobilität ist die Zukunft. Auch in der Gesellschaft setzen wir auf eine hohe Akzeptanz und damit auch auf einen Erfolg unserer E-Fahrzeuge.

Volkswagen hat tolle Fahrzeuge entwickelt, die schon bald auf den Markt kommen – und viele davon tragen einen Teil Braunschweig in sich. Ich wünsche mir, dass wir diesen Vorsprung halten und noch weiter ausbauen können.

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