Cannabis: Medizinprodukte werden in Deutschland beliebter

Berlin.  In diesem Jahr wird erstmals legal Cannabis in Deutschland für medizinische Zwecke angebaut und geerntet. Die Nachfrage ist schon groß.

Cannabis, Marihuana, Haschisch – Das steckt hinter den Bezeichnungen

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In wenigen Monaten soll sie beginnen: Die Ernte des ersten legal auf deutschem Boden angebauten Cannabis. In einem aufwendigen Vergabeverfahren hat das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) im vergangenen Jahr drei Firmen ausgewählt, die den Hanf für zunächst vier Jahre in Deutschland anbauen dürfen – um ihn anschließend zu Medizinprodukten zu verarbeiten.

Cannabis ist nicht nur die am häufigsten konsumierte illegale Droge in Deutschland, es kann auch schon heute schwerkranken Patienten eine Hilfe sein. Wer etwa unter chronischen Schmerzen, Multipler Sklerose, Epilepsie oder an Übelkeit in Folge einer Chemotherapie leidet, kann sich Medizinalcannabis verordnen lassen.

Um aber die Medikamente herstellen zu können, sind deutsche Apotheken und Arzneimittelhersteller bisher auf Importe angewiesen. Aus den Niederlanden, Kanada und Portugal werden Cannabisblüten importiert.

Cannabis: Nachfrage stieg zwischen Januar und Oktober um über 50 Prozent

Der Anbau von eigenem Cannabis soll Deutschland nun unabhängiger von den Importen machen, denn gerade mit Kanada kam es in der Vergangenheit immer wieder zu Lieferengpässen. Das ist vor allem deshalb problematisch, weil die Nachfrage nach Cannabis steigt.

Wie aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der FDP-Bundestagsfraktion hervorgeht, wuchsen die Umsätze von cannabishaltigen Medizinprodukten zwischen Januar und Oktober 2019 um 51,09 Prozent – von 8,23 Millionen Euro im Januar auf 12,44 Millionen Euro im Oktober. Die Antwort der Bundesregierung liegt unserer Redaktion vor.

Apotheken oder Pharmaunternehmen verarbeiten Blüten weiter

Vor allem die Umsätze von cannabishaltigen Zubereitungen hat sich der Bundesregierung zufolge stark erhöht, sie stieg zwischen Januar und Oktober um fast 75 Prozent von 2,97 Millionen Euro auf 5,2 Millionen Euro an. Cannabishaltige Zubereitungen werden benötigt, um beispielsweise Öle herzustellen, die zum Beispiel ergänzend zur Chemotherapie genommen werden können.

Ähnlich verhält es sich mit unverarbeiteten Cannabisblüten, die weiterverarbeitet werden. Auch hier stieg im vergangenen Jahr der Umsatz: 5,2 Millionen Euro standen im Oktober zu Buche, im Januar waren es noch 3,74 Millionen Euro gewesen. Für das vierte Quartal lagen noch keine Zahlen vor. Die Herstellung erfolgt bei den Apotheken oder bei den Pharmaunternehmen. Produkte mit dem Hanf-Inhaltsstoff Cannabidiol (BCBD) sollen dabei Schmerzen lindern und beruhigend wirken – nicht alle Experten sind davon überzeugt.

Das deutsche Cannabis wird die Nachfrage hierzulande nicht decken

Dass die Umsatzsteigerungen tatsächlich auch auf eine erhöhte Nachfrage und nicht nur auf preisliche Varianz zurückzuführen ist, wird an dem Arzneimittel Sativex deutlich. Sativex kommt bei schwerer Spastik aufgrund einer Multiplen Sklerose zur Anwendung. Binnen zehn Monate stieg die Zahl der durch die Krankenkassen des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen (GKV) verordneten Medikamente um 1.000 an – auf 5556 Sativex-Verordnungen. Cannabis auf Rezept wird seit Jahren immer beliebter.

Ob das in Deutschland angebaute Cannabis die Nachfrage decken kann, ist eher unwahrscheinlich. Mit dem Anbau betraut sind die drei Firmen Aurora, Aphria und Demecan betraut. Während Auroras und Aphrias kanadische Mutterkonzerne zu den fünfgrößten Cannabis-Produzenten der Welt zählen, ist Demecan ein deutsches Start-Up.

Das Trio darf zusammen pro Jahr maximal 2,6 Tonnen Cannabis ernten – so schreibt es das BfArM vor. 2,6 Tonnen – das entspricht nicht einmal der Menge, die Deutschland im dritten Quartal des vergangenen Jahres importiert hat. Insgesamt musste Deutschland nach Daten des BfArMs rund 6,7 Tonnen Hanf importieren.

FPD fordert die 20-fache Menge an deutschem Cannabis

Bei der FDP-Bundestagsfraktion stößt die Reglementierung der Regierung auf Widerstand. Die 20-fache Menge an Cannabis müsse in Deutschland angebaut werden, forderte Wieland Schinnenburg, sucht- und drogenpolitischer Sprecher der FDP. „Ich fordere die Bundesregierung auf, die Produktionsmengen für Medizinalcannabis von 2,6 auf 50 Tonnen im Jahr zu erhöhen“, sagte Schinnenburg, der studierter Zahnarzt und Medizinrecht-Anwalt ist, unserer Redaktion.

50 Tonnen würden nicht nur den eigenen Bedarf hierzulande decken, sondern Medizinalcannabis auch zu einem „Exportschlager Made in Germany“ werden lassen, führt Schinnenburg aus.

Deutschland zum Cannabis-Exporteur werden zu lassen, lehnt die Bundesregierung bisher aber ab. Zunächst soll der vierjährige Cannabis-Ausbau beobachtet und anschließend bewertet werden. Erst dann wird man entscheiden, wie und ob es mit dem Hanf auf deutschem Boden weitergehen soll.

Hochsicherheitstrakte für den Hanf

Zunächst aber müssen die drei mit dem Cannabis-Anbau betrauten Firmen ihre Lagerstätten fertigstellen, damit ab diesem Jahr die Cannabis-Ernte eingefahren werden kann. Die Gewächshäuser unterliegen dabei strengen Sicherheitsvorkehrungen, Aphria verbaut beispielsweise in Neumünster 15.000 Tonnen Stahlbeton, um das Hanf vor unliebsamen Eindringlingen zu schützen.

Aurora greift auf die vorhandene Sicherheitsstruktur des Chemieparks Leuna zurück, Demecan baut ein Hochsicherheitslager in der Nähe von Dresden.

Firmen liegen im Zeitplan

Die Kosten für diese Sicherheitsanlagen hoch, selbst Aurora muss trotz bereits vorhandener Infrastruktur in Leuna wohl einen zweistelligen Millionenbetrag in die Hand nehmen. Konkrete Angaben macht das Unternehmen, dessen deutscher und europäischer Sitz in Berlin ist, nicht. Zuversichtlich zeigt sich Aurora-Geschäftsführer Philip Schetter aber, dass die Anlage rechtzeitig fertiggestellt wird. „Der Bau der Anlage schreitet gemäß dem Projektplan voran“, bestätigte Schetter.

Auch Hendrik Knopp, Geschäftsführer von Aphria, sagte unserer Redaktion: „Der Rohbau steht und wir sind aktuell dabei, den Innenausbau fertig zu stellen. Wir erwarten aktuell eine planmäßige Ernte zum Ende des vierten Quartals 2020.“ Demecan liegt nach eigenen Angaben ebenfalls im Zeitplan. Die Ernte des ersten deutschen Cannabis kann bis zum Ende des Jahres kommen.

Mehr zum Thema Cannabis:

Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Daniela Ludwig (CSU), schlägt beim Thema Cannabis neue Töne an. Die neuen Vorsitzenden der SPD, Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans, fordern sogar eine Freigabe von Cannabis. Aktuell ist Cannabis die am häufigsten illegal konsumierte Droge, wie der Drogenbericht der Bundesregierung zeigt. Der Cannabis-Wirkstoff THC wurde auch vermehrt in E-Zigaretten festgestellt – das führte zu vielen Erkrankungen.

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