Gesamtmetall-Chef: Impfstoff wird nicht alle Probleme lösen

Berlin  Wie viele andere Branchen wurde die Metall- und Elektroindustrie von der Pandemie schwer getroffen. Verteilungsspielräume in der laufenden Tarifrunde sieht der neue Gesamtmetall-Chef Wolf deshalb keine. Daran werde auch der Corona-Impfstoff nichts ändern.

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Stefan Wolf, Vorsitzender des Verbandes Südwestmetall und designierte Präsident des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall, nimmt an einer Pressekonferenz teil.

Stefan Wolf, Vorsitzender des Verbandes Südwestmetall und designierte Präsident des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall, nimmt an einer Pressekonferenz teil.

Foto: dpa

Der neue Präsident des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall warnt vor zu hohen Erwartungen der Industrie mit Blick auf den jüngst in Europa zugelassenen Corona-Impfstoff.

"Ich bin zuversichtlich, dass wir das Problem mit dem Impfstoff abmildern können. Vollständig lösen werden wir es womöglich aber nicht", sagte Stefan Wolf im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. Zu viele Fragen seien noch offen, etwa, ob der Impfstoff auch neue Ansteckungen vermeide, oder lediglich die Gefahr von schweren Krankheitsverläufen minimiere. Deshalb hänge viel davon ab, wie das zuständige Gesundheitsministerium die nächsten Schritte plane und umsetze.

Wolf war Ende November zum neuen Präsidenten des Verbands gewählt worden, der die Arbeitgeber-Interessen der Metall- und Elektroindustrie vertritt. Wie viele andere Branchen wurde der Wirtschaftszweig vor allem im Frühjahr von den Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Virus schwer getroffen. In weiten Teilen der Industrie standen Produktionsanlagen still, Beschäftigte wurden massenhaft in Kurzarbeit geschickt.

Während sich die Automobilindustrie inzwischen erhole, hätten andere Sektoren weiterhin zu kämpfen, vor allem der Maschinen-, Schiffs-, und Flugzeugbau, sagte Wolf. "Wir blicken für das laufende Jahr auf Umsatzrückgänge von 15 bis 30 Prozent." Im Vergleich zum Spitzenjahr 2018 seien allein bei den Autoherstellern weltweit rund 20 Millionen Fahrzeuge weniger produziert worden.

Angesichts der vorsichtigen Erholungsphase warnte Wolf vor neuen coronabedingten Einschränkungen für die Industrie. Die aktuellen Maßnahmen träfen diese bislang nicht direkt. Auch mögliche Warnstreiks im Rahmen der in dieser Woche begonnenen Tarifverhandlungen in der Industrie seien "Sand im Getriebe" der wieder anlaufenden Branche.

Wolf betonte erneut, dass es in dieser Situation nichts zu verteilen gebe. Den Auftakt bei den Tarifverhandlungen machte der Tarifbezirk Küste. "Die Stimmung in den ersten Gesprächen ist noch entspannt und konstruktiv." Mit härteren Auseinandersetzungen rechne er für Januar oder Februar. Die Gewerkschaft IG Metall fordert vier Prozent Entgelterhöhung, die auch als teilweiser Lohnausgleich für kürzere Arbeitszeiten gezahlt werden könne.

Mit ähnlich hohen Forderungen waren auch im Öffentlichen Dienst die Arbeitnehmer bei der jüngsten Tarifrunde ins Rennen gegangen. Nach monatelangen Verhandlungen und mehreren Warnstreiks einigten sich beide Seiten auf eine lineare Erhöhung von gut 3,2 Prozent für die Beschäftigten.

Als Vorbild für die eigene Branche könne ein solcher Abschluss nicht gelten, betonte Wolf. Bereits jetzt seien die Löhne in der Metall- und Elektroindustrie sehr hoch. "Wir haben eine zu hohe Kostenbelastung". "In einer solchen Situation muss man vielleicht mal zu dem Ergebnis kommen, dass es keinen Verteilungsspielraum gibt, sondern, dass wir vordringlich daran arbeiten, den Umsatz wieder zu steigern und möglicherweise auch Arbeitsplätze abzusichern. Das kann aber nicht über irgendwelche Zusicherungen gehen." Arbeitsplätze sichere nur der Erfolg bei Kunden. Es sei auch eine Frage der Gerechtigkeit, dass andere Branchen nun aufholten, die bei den Löhnen bislang deutlich niedriger lagen.

Trotz Krise sei die Wahl des künftigen US-Präsidenten Joe Biden ein positives Ereignis in diesem Jahr gewesen. Sowohl mit Blick auf das Klima als auch mit Blick auf drohende Strafzölle etwa für die Automobilindustrie sei diese Entscheidung der US-Bürger ein "Meilenstein". In der Autoindustrie habe Deutschland in den USA inzwischen einen Marktanteil von 10 bis 12 Prozent. Da sei es gut, dass solche Diskussionen vom Tisch seien.

© dpa-infocom, dpa:201226-99-814950/2

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