Insolvenzverfahren

Wie geht es weiter bei den MV-Werften?

| Lesedauer: 5 Minuten
Beschäftigte der Werft stehen mit Fahnen und Transparenten vor der Schiffbauhalle in Wismar.

Beschäftigte der Werft stehen mit Fahnen und Transparenten vor der Schiffbauhalle in Wismar.

Foto: dpa

Wortkarg verlässt ein Schiffbauer nach dem anderen Donnerstagfrüh das Gelände der MV Werften in Wismar. Hinter ihnen liegt die erste Belegschaftsversammlung des vorläufigen Insolvenzverwalters des Unternehmens mit rund 2000 Beschäftigten.

Wie es war? "Informativ", quetscht einer durch seine FFP-2-Maske in den kalt-grauen Morgen. "Muss man jetzt erstmal verarbeiten." Ein anderer sagt: "Wir müssen jetzt zusammenhalten" und verschwindet in Richtung Stadt.

Der am Tag zuvor eingesetzte Verwalter Christoph Morgen überbrachte kurzfristig gute Nachrichten für die Mitarbeiter. Die Dezember-Löhne sollen spätestens am Montag ausgezahlt werden. Bis zum 1. März ist das Insolvenzausfallgeld nach seinen Worten gesichert, dann soll das Verfahren eröffnet werden. Die mittel- und langfristigen Perspektiven allerdings sind noch offen.

Am Montag war für die MV Werften Insolvenz beantragt worden. Der Mutterkonzern Genting Hongkong ist mit seinem Kreuzfahrtgeschäft infolge der anhaltenden Corona-Pandemie in Schieflage geraten. Genting hatte die MV Werften 2016 gekauft, um Kreuzfahrtschiffe für den eigenen Bedarf zu bauen.

Ein Kreuzfahrtschiff für 10.000 Passagiere

Morgen sagte nach der Belegschaftsversammlung vor der Presse auf dem Parkplatz neben der Schiffbauhalle, er bemühe sich, den erhofften Weiterbau des zu 75 Prozent fertigen Kreuzfahrtliners "Global One" abzusichern. Am Freitag werde er dazu ein Gespräch mit dem CEO von Genting Hongkong, Colin Au, führen. Es sei zur Stunde offen, ob Genting, auf dessen Bedarf das Schiff zugeschnitten sei, den Kauf finanzieren könne. Den Preis bezifferte Morgen auf etwa 1,5 Milliarden Euro. Es gebe weltweit nur sehr wenige andere Abnehmer, die für ein solches Schiff in Frage kämen. Es gilt mit Platz für knapp 10.000 Passagiere als eines der größten Kreuzfahrtschiffe weltweit. Nach Worten von MV-Werften-Geschäftsführer Carsten Haake hat die Genting-Spitze noch am Sonntag Interesse an dem Schiff bekundet.

Genting ist selbst in großen Schwierigkeiten. Nach der Insolvenz der MV Werften ist die Aktie des Konzerns bei der Wiederaufnahme des Handels am Donnerstag eingebrochen. Bis zum Handelsschluss am Aktienmarkt in Hongkong erreichte der Kursverlust 56 Prozent. Der Handel war am vergangenen Freitag vor dem Hintergrund des Tauziehens um die Zukunft der MV Werften ausgesetzt worden.

Das Insolvenzverfahren wird nach Worten von Christoph Morgen voraussichtlich am 1. März eröffnet. So verblieben zunächst sieben Wochen für die Klärung der drängendsten Fragen. Dabei geht es auch um langfristige Perspektiven. Dem Insolvenzverwalter zufolge gibt es in Stralsund die Idee, einen maritimen Gewerbepark auf dem Werftgelände zu entwickeln. An anderen Standorten werde über den Bau von Konverterplattformen für die Windkraftnutzung auf See nachgedacht.

Offen ist demnach auch, ob die MV Werften als Ganzes erhalten oder einzeln veräußert werden sollen. Die Chancen, jemanden für das Ganze zu finden, seien kleiner als Interessenten für die einzelnen Standorte zu gewinnen, sagte Morgen. Aber grundsätzlich denkbar sei ein Verkauf im Gesamtpaket durchaus.

Corona hat einen Strich durch die Rechnung gemacht

MV-Werften-Betriebsrätin Ines Scheel sagte, die Werftmitarbeiter hätten in den letzten 30 Jahre bewiesen, dass sie alles bauen könnten - Containerschiffe, Spezialschiffe, Kreuzfahrtschiffe und auch Plattformen. Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD), die an der Belegschaftsversammlung teilnahm, sicherte die Unterstützung der Politik zu. Dabei werde es nicht ohne den Bund gehen, stellte sie in Wismar klar.

Am Nachmittag beschäftigte sich der Landtag in einer Sondersitzung mit den MV Werften. Redner verschiedener Parteien lobten zunächst das Engagement von Genting nach der Übernahme im Jahr 2016. Der Konzern habe alle vereinbarten Investitionen getätigt - insgesamt zwei Milliarden Euro. Es habe einen großen Jobzuwachs gegeben. Aber dann sei Corona gekommen und habe einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Ministerpräsidentin Schwesig und Redner des Regierungslagers appellierten an die insgesamt sechs Fraktionen im Parlament, jetzt zusammenzustehen. In der Landespolitik gibt es aber unterschiedliche Ansichten, etwa zum Auslöser der Pleite. Während das rot-rote Regierungslager meint, alles Erforderliche und Verantwortbare sei seitens der Politik für die Werften getan worden, ist die oppositionelle CDU der Auffassung, "irgendwer in der Bundesregierung hat für die Werften kürzlich den Daumen gesenkt". Das sagte der Fraktionsvorsitzende Franz-Robert Liskow in der Debatte. Ein schwimmendes Casino höre sich nicht ganz so schön an wie eine Anlage, die dabei helfe, grünen Strom zu produzieren. Wirtschaftsminister Reinhard Meyer (SPD) wies den Vorwurf zurück.

© dpa-infocom, dpa:220113-99-690030/4