Das neue Zauberwort heißt Flexibilität

Wolfsburg  VW denkt auch über eine „Personal-Drehscheibe“ nach. Künftig müssen vielleicht auch viele VW-Mitarbeiter aus Wolfsburg an anderen Standorten arbeiten.

Auch ohne Baustelle wie im Sommer bleibt das hohe Verkehrsaufkommen ein Riesenproblem für Wolfsburg.

Auch ohne Baustelle wie im Sommer bleibt das hohe Verkehrsaufkommen ein Riesenproblem für Wolfsburg.

Foto: regios24/H. .L.

Elektrifizierung, Digitalisierung, Autonomes Fahren – die Wolfsburger haben sich in den vergangenen Monaten an viele neue Begriffe gewöhnen müssen, die ihr Leben nach Ansicht der Verantwortlichen gewaltig umkrempeln werden. Es kommt noch ein weiteres hinzu: Flexibilisierung.

Die wird nicht nur in der Produktion und Entwicklung von Volkswagen zum Zuge kommen. Auch ein Teil der Mitarbeiter wird sich an neue Unwägbarkeiten gewöhnen müssen. Konzern-Personalvorstand Karlheinz Blessing brachte bei der Vorstellung des Zukunftspaktes die Personal-Drehscheibe ins Gespräch. VW-Mitarbeiter kennen das Drehscheiben-Modell aus der Produktion. Dort kommt es zur Anwendung, wenn bestimmte Modell-Kontingente von einem Standort zum anderen verschoben werden. Das ist immer dann der Fall, wenn die Auslastung stark asymmetrisch ist. So werden schon jetzt im Bedarfsfall Golf-Einheiten nach Zwickau umgebucht, während die Sachsen Passat-Kontingente an das Emder Werk abgeben. Beim Personal könnte es so ähnlich laufen.

„Die Werke Wolfsburg, Hannover, Braunschweig und Salzgitter liegen ja nicht so weit auseinander, dass eine Entsendung in ein anderes Werk den Stammmitarbeitern nicht zuzumuten wäre“, erläuterte Blessing. In überschaubaren Verhältnissen hat es das auch schon gegeben. Blessing könnte sich auch durchaus vorstellen, dieses Modell auf die anderen Konzernmarken zu übertragen. „Warum sollte ein junger Porsche-Ingenieur aus Stuttgart nicht für eine gewisse Zeit in Leipzig arbeiten?“, fragt der Manager rhetorisch. Klar ist, dass eine solche Entsendung nur mit Zustimmung der Mitarbeiter erfolgen kann und zeitlich begrenzt wäre.

Dies würde grundsätzlich nichts daran ändern, dass die mächtigen Pendlerströme weiterhin gen Wolfsburg fließen – mit den bekannten Verkehrsproblemen. Setzt sich die Personal-Drehscheibe in Wolfsburg aber tatsächlich einmal in Gang, könnte es auch in der Region zu noch längeren Staus kommen.

Auch die bisher bei VW eingesetzten Zeitarbeitnehmer der Autovision Zeitarbeit werden künftig wohl eher außerhalb Wolfsburgs Arbeit finden. VW wird die Mitarbeiter der eigenen Tochtergesellschaft nicht mehr übernehmen. Die Autovision soll die gut ausgebildeten Mitarbeiter bei anderen Firmen unterbringen, so das Ziel von Unternehmen und Betriebsrat. Die vor betriebsbedingten Kündigungen bis 2025 geschützten Stammbelegschaften müssen ebenfalls ihren Beitrag leisten. Über natürliche Fluktuation, eine verstärkte Anwendung von Altersteilzeitregelungen und – im Ausnahmefall – über Abfindungen soll das Personal reduziert werden. Man habe „viele Grausamkeiten“ abwenden können, sagt Betriebsratschef Bernd Osterloh. Und weiter: „Heute spricht bei Volkswagen niemand mehr von betriebsbedingten Kündigungen.“ Diejenigen, die bleiben, werden teilweise länger arbeiten müssen. „Der Tarifvertrag bietet da Spielraum“, sagte Markenchef Herbert Diess. „Wenn nötig, werden wir unsere Zustimmung geben“, ist auch Osterloh im Sinne des Unternehmens zu diesem Schritt bereit. Das gelte neben der Technischen Entwicklung auch für die Verwaltung. Die Arbeitszeit könne auch dort befristet und mit Zustimmung des Betriebsrates auf 40 Stunden steigen. Wolfsburg, so Osterloh, werde „der Hauptsitz der Digitalisierung von Volkswagen“. Bis zu 1000 neue Zukunftsarbeitsplätze sollen hier entstehen. Die Frage, ob solche Experten nicht lieber in Metropolen arbeiten würden, beantwortete Osterloh mit Nein. Wolfsburg könne diesen Wandel stemmen.

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