Fotograf dokumentiert die Arbeit bei Volkswagen

Wolfsburg.  Fotos aus den 1950er Jahren zeigen den Zusammenhalt im VW-Berufsalltag. Die Bilder werden bis zum 5. Mai im Kunstverein gezeigt.

Gute Stimmung herrscht zwischen den VW-Mitarbeitern.

Gute Stimmung herrscht zwischen den VW-Mitarbeitern.

Foto: Günter Franzkowiak

Gerade eben erst hatte Horst Steiner seinen neuen Posten im Werkzeugbau im Volkswagen-Werk aufgenommen, da rief Abteilungsleiter Hartwig Hoffmann zum Gruppenfoto. Günter Franzkowiak, die Kamera immer dabei, eilte herbei und bannte die „Gruppe Hoffmann“ auf Zelluloid. Dieses Foto zeigt die Werkzeugmacher, die in Hoffmanns Abteilung arbeiteten, der sich selbst, er ist der zweite von links, etwas im Hintergrund hält. Halb vor ihm steht Horst Steiner in selbstbewusster Pose, er ist der dritte von links, umringt von seinen neuen Kollegen. Rückblickend sagt der heute 83-Jährige: „Ich kam von einer kleinen Werkstatt in das große VW-Werk. Das war sehr aufregend, kein Vergleich.“

Mit seinen Fotografien hat Günter Franzkowiak nicht nur die Arbeit im VW-Werk dokumentiert. In vielen seiner Fotos verbergen sich Schicksale und Lebensgeschichten. Wie die von Horst Steiner, der auf dem Foto aus dem Jahr 1959 sich selbst im Alter von zwanzig Jahren wieder erkennt, voller Elan, Aufregung und Ehrgeiz. „Wobei ich am Anfang Schwierigkeiten hatte, mich im großen VW-Werk nicht zu verlaufen“, räumt er heute ein.

Die schiere Größe scheint für Steiner anfangs den Eindruck seiner neuen Arbeitsstätte beherrscht zu haben. Und nicht nur die der Fabrik, auch die der Hallen und der Maschinen. „Ich habe in einer Firma gelernt, die mit Elektrotechnik gearbeitet hat. Da gingen wir mit winzig kleinen, filigranen Teilen um, jeder Handgriff musste genau sitzen. Und plötzlich wurde ich in diese große Halle geschickt und sollte im Großwerkzeugbau an riesigen Käferhauben schleifen.“

Dorthin hatte ihn am ersten Tag bei Volkswagen die Personalabteilung geschickt. Kurzerhand nahm sich ein Kollege Steiners an und riet ihm, doch lieber im Kleinwerkzeugbau bei Hartwig Hoffmann nachzufragen. Und der brauchte ebenfalls Personal, also blieb Steiner dort. Die Arbeit mit den Kollegen, die auf dem Bild zu sehen sind, der Abteilung Hoffmann, hat Horst Steiner in guter Erinnerung.

Insgesamt 13 Jahre verbrachte er dort, im Kleinwerkzeugbau, zusammen mit Drehern, Fräsern, Lehrenbauern. „Es war dort nicht so unüberschaubar. Wir arbeiteten an kleinen Mess- und Biegevorrichtungen, später auch an größeren Maschinen, als die Automatisierung in Gang kam.“

In den folgenden Jahren war Steiner in der mechanischen Fertigung tätig, wurde Meister, dann Schichtleiter. Die letzten Jahre war er in der Personalabteilung tätig, insgesamt war er bis 1991 bei Volkswagen, ganze 35 Jahre lang. Die Hoffmann-Abteilung, von Franzkowiak hier in einem informellen Moment zwischen Werkzeugbänken festgehalten, zeichnete sich durch einen hohen Zusammenhalt aus, erinnert sich Horst Steiner. So, wie er es auch in allen anderen Abteilungen erlebt hat, in denen er später arbeitete und mit denen er zu tun hatte. „In den Gruppen hielt man zusammen, und wir haben viel zusammen gemacht. Fußballspielen zum Beispiel, und auch zu meinem Polterabend kamen sie – unangemeldet. Das war das ganze Leben auf der Arbeit: Nicht wie heute, wo man Arbeit und Freizeit trennt.“

Man kann es fast erahnen, mit ein bisschen Fantasie, wenn man das Gruppenfoto der jungen Männer betrachtet: diese Ungezwungenheit, das lockere Lächeln, das allen leicht auf die Lippen gesprungen zu sein scheint. Keine Spur von gehetztem Arbeitsalltag oder Überforderung. Dabei seien die Arbeitsumstände nicht immer optimal gewesen, erinnert sich Steiner, der immer wieder beeindruckt ist, wenn er heutzutage ins Werk kommt. „Alles ist heute so sauber“, erzählt er, „es ist Wahnsinn, das heute zu sehen. Es hat sich so viel verändert.“ Klar, in der Produktion hat sich viel getan, Prozesse wurden automatisiert, es sind nicht mehr so viele Menschen nötig, um einen Arbeitsschritt auszuführen. Aber immer wieder kommt Steiner auf die Sauberkeit zurück, wenn er damals mit heute vergleicht. „Früher lag Splitt auf dem Boden, um das Öl aus dem Produktionsprozess aufzusaugen. Die Luft war dick. Heute kann man durchatmen und durch die Hallen gehen, ohne schmutzig zu werden.“

In Halle 10, einer flachen Halle, in der Steiner die ersten 13 Jahre seiner VW-Karriere arbeitete, sei es im Sommer besonders schlimm gewesen. „Das Hallendach musste im Sommer von der Feuerwehr befeuchtet werden, damit die Menschen darin nicht erstickten“, erzählt er. Wo genau das Foto mit der Abteilung Hoffmann aufgenommen wurde, kann nicht sicher gesagt werden: Horst Steiner glaubt, es sei genau diese Halle 10, in der Franzkowiak die Abteilung Hoffmann fotografiert hat. Franzkowiak selbst sagt, es sei Halle 8 gewesen, wo er auch selbst arbeitete. Horst Steiner jedenfalls ist sich sicher, dass er Günter Franzkowiak auch wiederum in Halle 10 kennengelernt hat. „Das war ein Kumpeltyp, der immer Fotos gemacht hat“, erzählt er.

Auf ausgehängten Listen konnte sich eintragen, wer einen Abzug von Franzkowiaks Fotos haben wollte. Daran erinnert sich Steiner nicht mehr. „Aber ich muss meinen Namen dort auch eingetragen haben“, sagt er. Denn das Gruppenfoto der Abteilung Hoffmann ist auch in seinem Fotoalbum zu finden.

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