Ein Heiligendorfer verlässt seine angestammte Heimat

Heiligendorf.  Kurt Krösche macht einen radikalen Schritt: Er will nicht länger aufs Baugebiet im Ort warten, um altengerecht zu wohnen.

Kurt Krösche im weitläufigen Garten vor dem Haus, in dem er gut 30 Jahre gelebt hat.

Kurt Krösche im weitläufigen Garten vor dem Haus, in dem er gut 30 Jahre gelebt hat.

Foto: LARS LANDMANN / regios24

Es ist nur schwer vorstellbar: Kurt Krösche hat seit seiner Geburt in dem Hasenwinkel-Ort gelebt und seine Heimat nur zwischenzeitlich einmal für wenige Jahre verlassen. Der 70-Jährige hat nicht nur eine große Familie in Heiligendorf, sondern ist dort auch sonst vielfältig verwurzelt. Jetzt macht er einen extremen Schnitt und gibt sein weitläufiges und mit viel Aufwand gepflegtes Zuhause auf – und zieht mit seiner Frau Ingeborg in diesem Jahr nach Leipzig, um sich dort nicht nur ein neues Haus, sondern auch ein neues Leben aufzubauen.

Der Plan war ursprünglich ein ganz anderer. „Unser großes Haus ist nicht altengerecht und lässt sich dafür auch nicht gut umbauen. Außerdem ist das Grundstück mit 1250 Quadratmetern sehr groß“, erzählt Krösche. Mit seiner Frau wollte er ein neues Haus bauen: eingeschossig, barrierefrei, mit kleinerem Grundstück, „so dass man den Rest seines Lebens darin wohnen kann“.

Denn angesichts der angespannten Situation im Pflegesektor wisse man ja nicht, wie es in den Altenheimen weitergehe. „Auch die Situation meiner Mutter hat uns noch einmal zum Nachdenken gebracht“, betont der Heiligendorfer. Zusammen mit anderen hatten er vor wenigen Jahren die Situation in der örtlichen Seniorenanlage massiv kritisiert.

Keine Frage, dass das Ehepaar in Heiligendorf bleiben wollte – und sich für das künftige Neubaugebiet „Krummer Morgen“ registrieren ließ. „Hier gefällt uns alles super, die Dorfstruktur… man hat hier alles, was man braucht“, schwärmt Krösche. „Aber irgendwann haben wir gemerkt, dass es mit dem geplanten Baugebiet nicht so recht vorangeht.“ Er habe immer wieder in der Bauverwaltung angerufen, habe den Ortsrat eingeschaltet. Doch bekanntlich ist „Krummer Morgen“ immer noch nicht beschlossene Sache, die Stadtverwaltung plant daran immer noch herum.

Also dachten die Heiligendorfer über Alternativen nach, auch ganz woanders, aber schon dort, wo Teile der großen Verwandtschaft leben. Und so kamen die beiden auf Leipzig, wo Kurt Krösches Schwager mit seiner Familie wohnt. Irgendwann stand der Entschluss: Am nördlichen Rand der Messestadt sollen in einem bereits erschlossenen Gebiet noch wenige Häuser gebaut werden – eines davon wird das von Krösches sein. Und zwar genau so, wie sie es sich vorstellen: alles ebenerdig, barrierefrei, das Grundstück nur noch halb so groß. Die Lage ähnlich ländlich wie hier im Hasenwinkel.

In Heiligendorf gibt Kurt Krösche nicht nur sein Zuhause auf, in dem er seit mehr als 30 Jahren lebt. Auch seine Hühnerzucht muss er beenden. Immerhin: Jemand aus der Nachbarschaft übernimmt das Haus mitsamt dem Dutzend Hühner, die der Züchter derzeit noch in den Volieren hält. „Einige habe ich schon geschlachtet“, sagt er.

Die Aktivitäten in seiner Backstube im Keller hat Krösche schon eingestellt, am 11. Dezember war letzter Backtag. „Da war ich schon sehr traurig.“ Er hat seit einigen Jahren immer mittwochs bis zu 50 Brote gebacken und an feste private Abnehmer verkauft. Einen Teil seiner Back-Gerätschaften will er mitnehmen, um für den Eigenbedarf weiter zu backen. „Wir ernähren uns rein biologisch“, betont er und ahnt: „Wir werden unsere eigenen Eier vermissen.“

Doch obwohl das Ehepaar Leipzig schon fest im Blick hat, wollte Kurt Krösche seinem alten Heimatort noch etwas Gutes tun: „Zu meinem 70. Geburtstag im November habe ich mir statt Geschenken Geld gewünscht. So sind 500 Euro zusammengekommen, die ich als Weihnachtsspende an den Hospizverein weitergeleitet habe“, berichtet er. „Der Anlass ist das hier im Ort geplante zweite Hospizhaus. Ich möchte diese Heiligendorfer Sache gern unterstützen.“ Pikant: Es soll ausgerechnet in dem Baugebiet entstehen, auf das Krösches nun nicht mehr warten wollen.

Zu seinem Geburtstag sah sich Kurt Krösche auch mit skeptischen Nachfragen wegen des radikalen Schritts konfrontiert. „Mensch, warum macht ihr das?“, habe es da geheißen. Am Esstisch mit Blick in den winterlichen Garten sinniert er: „Das ist schon krass. Ein guter Freund hat zu mir gesagt: ,Kurt, ich könnt Dich in den Arsch treten!’ Und in einer ruhigen Minute kommt auch mal Wehmut auf, da hat man auch mal Bedenken. Aber ich denke, richtige Wehmut kommt erst, wenn man die Tür hier abschließt und das Haus verlässt“, vermutet er. „Dann kann man sich nochmal umdrehen und sagen: Das war’s.“

Kurt Krösche geht davon aus, dass der Umzug im späten Frühjahr erfolgen kann. „In der Nähe ist dort der Schladitzer See, da kann man viel mit dem Rad fahren. Das machen wir gerne. Wir lassen das alles auf uns zukommen“, lautet seine Devise. „Am Anfang werden wir ja zu tun haben mit dem Einrichten des Hauses und dem Anlegen des Gartens.“ Außerdem muss sich auch Kater Petro erst einmal im neuen Revier einleben.

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