Wolfsburgs Kinderklinikchefin will Ernährungszentrum gründen

Wolfsburg.  Familien aus der ganzen Region sollen dort Angebote finden. Im Interview gibt sie erste Tipps zum Abnehmen.

Gar keine Süßigkeiten im Haus zu haben, ist auch nicht die Lösung, sagt Dr. Jacqueline Bauer: Wichtiger ist die Disziplin beim Naschen.

Gar keine Süßigkeiten im Haus zu haben, ist auch nicht die Lösung, sagt Dr. Jacqueline Bauer: Wichtiger ist die Disziplin beim Naschen.

Foto: Oliver Berg / dpa

Wenig Zeit zum Kochen, viel Zeit vor dem Computer, lange Schultage ohne vollwertige Ernährung: Die Liste der möglichen Gründe für Übergewicht bei Kindern ist lang. Ebenso wie die Liste der möglichen Folgen. Dazu zählen Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Rückenschmerzen, aber auch psychosoziale Beschwerden wie Depressionen. Laut Bundesgesundheitsministerium sind in Deutschland 8,7 Prozent der Kinder und Jugendlichen zwischen 3 und 17 Jahren übergewichtig, 6,3 sind stark übergewichtig, also adipös. Ein Unicef-Report zur Kindergesundheit aus dem September spricht sogar von 27 Prozent übergewichtiger Kinder in Deutschland.

Eine, die dagegen etwas unternehmen will, ist Dr. Jacqueline Bauer: Sie ist seit Juli Chefin der Kinderklinik in Wolfsburg. Dort will sie ein Ernährungszentrum aufbauen. Was sie sich darunter vorstellt und warum die Familie beim Abnehmen so wichtig ist, erklärt sie im Interview.

Frau Dr. Bauer, der Anteil der übergewichtigen Kinder in Deutschland liegt laut Bundesgesundheitsministerium bei 15 Prozent. Ein Unicef-Report aus dem September spricht sogar von 27 Prozent. Was sind Ihre Erfahrungswerte?

Diese Prozentzahlen sind schwierig, weil wir da schon zwischen den Altersgruppen differenzieren müssen. Man kann sagen, je jünger die Kinder, desto geringer das Risiko für Übergewicht. Unter sieben bis zehn Jahre alten Kindern liegt der Anteil bei etwa 15 Prozent, bei 11- bis 13-Jährigen sind es schon 20 Prozent, und unter den 14- bis 17-Jährigen sind 16 Prozent übergewichtig.

In Wolfsburg liegt laut Stadt der Anteil der übergewichtigen Kinder bei rund 10 Prozent….

Ja, aber auch hier müssen wir unterscheiden: Wann wurden diese Daten erhoben? Häufig, wie in Wolfsburg, sind es die Ergebnisse aus den Schuleingangsuntersuchungen. Da sind die Kinder fünf oder sechs Jahre alt. Wenn wir da schon einen Anteil von 10 Prozent übergewichtigen Kindern haben, muss man sich um diese 10 Prozent der Kinder schon Gedanken machen. Wenn wir es bis zu einem Alter von 11 bis 13 Jahren dann immer noch nicht geschafft haben, das Gewicht zu reduzieren, wird es langfristig schwierig. Mit Beginn der Pubertät, wenn der ganze Körper sich verändert, wird es schwer, abzunehmen. Wenn ich dann 17-jährige Jugendliche bei mir in der Sprechstunde habe, die schon über 100 Kilo wiegen, ist es in dieser Altersklasse und bei dem Übergewicht schwer, eine vernünftige Gewichtsreduktion zu erreichen. Ich denke, auf diese Generation sollte man besonders aufpassen.

Zumindest scheint der Anteil der übergewichtigen Kinder in Deutschland zu stagnieren. Ist das nicht schon ein Erfolg?

Nein, das ist kein Grund zur Freude. Wir haben es hier mit einem globalen Trend zu tun, der langsam kommt. Er wird auch zu uns kommen.

Wie definiert man denn überhaupt Übergewicht bei Kindern?

Das ist die nächste Schwierigkeit. Bei Erwachsenen geht es meistens um den BMI, also das Verhältnis von Körpergröße zu Gewicht. Das Prinzip lässt sich bei Kindern aber nicht anwenden. Wir Kinderärzte schauen deshalb nach den Perzentilen – also danach, wie das Gewicht des Kindes sich im Vergleich zum Gewicht und Körpergröße seiner Altersgenossen verhält. Der BMI sagt – übrigens auch bei Erwachsenen – noch nichts darüber aus, ob das Gewicht aus Muskelmasse oder Körperfett besteht. Deshalb schaue ich bei meinen Patienten nach dem Körperfettanteil. Das ist auch in der Therapie viel sanfter. Über die vorhandene Muskulatur und nicht über das Gewicht alleine zu sprechen, ist für Kinder eher motivierend. Nur über das Gewicht zu sprechen, löst bei den Patienten Stress und Frust aus.

Was sind die Hintergründe für Übergewicht bei Kindern?

Das bedauerliche ist, dass es viele Einflussfaktoren gibt. Unsere Lebensumstände machen es immer weniger erforderlich, uns zu bewegen. Früher waren die Menschen mehr unterwegs, mehr draußen, das ist heute anders. Es fängt schon beim Weg zur Schule an: Da werden die Kinder mit dem Auto gefahren, oder sie fahren mit dem Bus. Besser wäre es, die Schulwege so sicher zu machen, dass die Kinder zusammen zur Schule laufen können. Es ist aber auch ein gesamtgesellschaftliches Problem: In jeder Kindersendung wird Werbung für zuckerhaltige Cornflakes eingeblendet, zuhause fehlt die Zeit zum Kochen, und die Lebensmittel für Kinder aus dem Supermarkt sind häufig mit dick machenden Zusatzstoffen versehen.

Aber wie können Eltern dann dagegen ansteuern – wenn es doch ein gesellschaftliches Problem ist?

Ich bin dagegen, gar keine Süßigkeiten zuhause zu haben, das wäre zu extrem. Außerdem hat der Kumpel bestimmt etwas Süßes, wo man sich dann bedient. Oder man bekommt Taschengeld, das man für Fast Food ausgibt. Wir müssen die Kinder so erziehen, dass sie Süßes in Maßen genießen. Leider geht uns die Fähigkeit, aufzuhören zu essen, wenn wir satt sind, nach dem Säuglingsalter verloren. Danach müssen wir lernen, uns zu zügeln und auf unser Sättigungsgefühl zu hören. Als Eltern können wir zum Beispiel auf sättigendes, vollwertiges Essen setzen. Danach sind die Kinder so pappsatt, dass sie die Gummibärchen gar nicht mehr haben mögen. Auch beim Abnehmen sollte niemand Hunger haben müssen.

Ernährungsmedizin ist einer Ihrer Schwerpunkte. Was für Patienten kommen zu Ihnen?

Es gibt unterschiedlich gelagerte Fälle. Manche Eltern merken schon selbst, dass ihre Kinder zu übergewichtig sind. Diese fragen dann im Rahmen einer Routineuntersuchung nach, was sie machen können. Bei anderen Kindern fällt es mir vielleicht auf, wenn sie mit einem anderen Problem, zum Beispiel Halsschmerzen, zu mir kommen. Wieder andere werden von ihrem Kinderarzt zu mir überwiesen.

Ist es denn irgendwann zu spät, dem Übergewicht den Kampf anzusagen?

Nein, nein, zu spät ist es nie! Wichtig ist, dass die ganze Familie an einem Strang zieht. Es muss ein Familienprojekt werden, sich gesund zu ernähren und sich mehr zu bewegen. Eltern haben eine Vorbildfunktion, sie müssen mit im Boot sein, das ist ganz wichtig. Oft ist der Erfolg schnell gemacht: Und auch die Eltern fühlen sich viel fitter als vorher. Ich plädiere immer an die Eltern, wenigstens am Wochenende so viel wie möglich mit den Kindern draußen zu machen, wenn in der Woche schon keine Zeit ist. Außerdem führen bei mir alle Familienmitglieder ein Ernährung- und Bewegungstagebuch: Da sieht man genau, wo man ansetzen kann.

Kinder und Jugendliche verbringen viel Zeit in Kita, Kindergarten und Schule. Da haben Eltern keinen Einfluss mehr auf den Speiseplan. Wie wichtig ist es, dass in den Betreuungsinstitutionen Wert auf gute Ernährung gelegt wird?

Die Eltern und die Familie sind immer das wichtigste: An ihnen orientieren wir uns. Natürlich ist es heute ganz normal, dass die Kinder fremdbetreut werden. Deshalb ist es genauso wichtig, dass auch in den Kitas und Schulen Ernährung und Bewegung hohe Prioritäten haben. Die Mitarbeiter sollten deshalb früh geschult werden: Schon 30 Sekunden Aktion und Bewegung machen Schüler zum Beispiel wieder total frisch und aufgeweckt für den Unterricht! Leider habe ich das Gefühl, dass in vielen Schulkantinen das Essen nicht wertvoll ist. Es wird häufig vor allem billig und schnell zubereitet. Meistens ist es nur aufgewärmt. Klar ist es aufwendiger, selbst zu kochen, das ist eine Frage der Organisation. Aber ist es wirklich teurer oder langwieriger? Gerade im Winter bekommen Sie die Möhren doch zum Beispiel zum Spottpreis.

Im Rahmen der Corona-Pandemie sind die Menschen dicker geworden: Das zumindest lassen erste Umfragen vermuten. Sehen Sie diese Entwicklung auch bei Ihren kleinen Patientinnen und Patienten?

Ja, durch Corona sind viele fülliger geworden. Dabei denke ich mir immer: Wieso? Wir hatten ja keine Ausgangssperre! Natürlich habe ich Verständnis dafür, dass viele, vor allem Familien, eine sehr stressige Zeit hatten, vor allem, während die Schulen und Kitas geschlossen waren. Stress, auch Existenzängste, kamen auf. Deshalb ist es so wichtig, dass es Hilfsangebote für die Familien gibt. Nicht nur finanzieller Art: Auch Projekte, sich fit zu halten und sich gut zu ernähren. Das versuche ich in der Region aufzubauen.

Sie haben schon bei Ihrer Amtseinführung angekündigt, ein Ernährungszentrum in Wolfsburg zu etablieren...

Ja, denn für Veränderungen braucht es einen Motor! Das Ernährungszentrum soll eine Anlaufstelle für die ganze Stadt und Region sein. Wir haben mit den Städten, den Jugendämtern, den Gesundheitsämtern und Krankenkassen bereits Kontakt aufgenommen und hoffen auf die Unterstützung von unseren sehr erfolgreichen Sportclubs. Ich würde gerne alle mit ins Boot holen. Zusammen können wir Ernährungsberatungen, auch Sportgruppen und viele andere Aktivitäten anbieten. Ich hätte gern eine Bewegungsgruppe für Kinder, und eine Familiengruppe, denn so können sich die Betroffenen austauschen, ohne stigmatisiert zu werden. Wir müssen die Kinder erreichen und gleichzeitig die Eltern mitnehmen.

Angesiedelt wird es im Klinikum Wolfsburg?

Ja, es ist wichtig und richtig, dort die gesundheitliche und medizinische Seite zu verorten. Vom Klinikum können wir den Kontakt zum Netzwerk aufbauen; Schulen und Beratungsstellen können wiederum auf uns verweisen. Zudem haben wir im Klinikum weitere Möglichkeiten: Zum Beispiel über unsere Abteilung für Psychosomatik. Denn viele Kinder und Jugendliche leiden sehr unter ihrem Übergewicht, psychische Faktoren spielen eine große Rolle. Die psychologische Betreuung ist sehr wichtig – im Klinikum können wir Angebote bündeln. Mir ist aber wichtig, dass das Ernährungszentrum sich nicht nur an die Menschen in der Stadt richtet – wir wollen für die ganze Region da sein.

Und zum Schluss – haben Sie einen Vorschlag fürs Abendessen für uns?

In vielen Familien werden übermäßig viele Kohlenhydrate gegessen, zum Beispiel mit Brot am Morgen und Nudeln am Abend. Wo bleibt da das Gemüse, die Abwechslung? Diese Gewohnheiten kann man ganz leicht aufbrechen. Zum Beispiel mit Gemüse, Milchprodukten und Obst: Hauptsache nicht so viel Weißmehl. Nudeln sind lecker, dann gern mal mit frischem Gemüse und Kräutern statt Tomatensauce aus der Dose. Olivenöl, Rapsöl oder Leinöl dazu – die sollte es sowieso in jedem Haushalt geben. Kartoffeln, Kürbis, Haferflocken schlage ich auch immer gerne vor. Mir macht es Spaß, nach neuen Rezepten zu suchen, die gebe ich dann gerne an die Eltern weiter. Ernährung sollte Spaß machen und lecker schmecken! Dann fällt es auch leichter, sich für das Kochen Zeit zu nehmen. Guten Appetit!

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