Das Phaeno in Wolfsburg feiert 15. phänomenale Jahre

Wolfsburg.  Phaneo-Chef Michel Junge sagt: „Die Besucher sollen nicht uns das Denken überlassen, sie sollen zu eigenen Lösungen kommen.“

Ferienprogramm im Phaeno: Die junge Besucherin Lina übt sich an einem eiskalten Experiment.

Ferienprogramm im Phaeno: Die junge Besucherin Lina übt sich an einem eiskalten Experiment.

Foto: Anja Weber / regios24

Das Phaneo feiert 15. Geburtstag. Phaeno-Chef Michel Junge übernahm 2013 die Leitung. Im Interview mit unserer Zeitung erklärt er, wie Exponate und Sonderausstellungen – vielleicht auch zu Fake-News oder Klimaschutz – entwickelt werden und warum die Stadt Wolfsburg vor 15 Jahren eine mutige Entscheidung getroffen hat.

Konnten Sie die Corona-Auszeit für neue Ideen nutzen?

Ich sage jetzt mal frech: Erfolg macht lernbehindert. Man wiederholt dann leider viel zu oft das, was erfolgreich war oder ist. Wenn Sie aber plötzlich in einer Situation wie der jetzigen stehen, in der sich die Rahmenbedingungen vollständig verändert haben, sind Sie gezwungen, neu zu denken. Das ist für die Kreativität ein ganz fruchtbarer Moment. Diesen kreativen Impuls, den wir nun im Team erleben, wollen wir nutzen. Ein Beispiel: Das Phaeno hat im Bereich der Cone-Hall ganz viele Fenster, mit denen bislang noch nie gearbeitet wurde. Das machen wir nun zum 15. Geburtstag – 15 Objekte werden derzeit in 15 Schau-Fenstern aufgebaut. Beispielsweise kann man sich mit einem davon mit seinem Mobiltelefon verbinden und es steuern. Ein anderes Objekt schätzt mit Hilfe einer Kamera Ihr Alter. Das ist Interaktivität, wofür wiederum das Phaeno auch steht. Auch den Laser-Strahl quer durch die Fußgängerzone wird es wieder geben. Wir wollen mit all dem zeigen: Das Phaeno und wir sind immer noch da! Gibt es neue Exponate?Wir haben viele Ideen, nur haben wir derzeit auch einfach das Problem, dass viele unserer externen Lieferanten – so wie wir – unter Corona-Bedingungen und in Kurzarbeit oder im Homeoffice arbeiten. Viele Entwickler und Hersteller leiden außerdem darunter, dass die großen Einrichtungen aktuell nichts mehr bestellen, weil sie selbst in eine finanzielle Notlage geraten sind.

Es soll Menschen geben, die bis heute das Phaeno noch nicht für sich entdeckt haben. Wie würden Sie denen Ihr Science-Center beschreiben?

Das Phaeno ist ein Paradies für Neugierige. Neugier ist der Beginn des Denkens und wir möchten unsere Besucher zum Denken anregen. Die Idee dahinter ist, dass sie irgendetwas sehen, spüren, wahrnehmen, das sie ins Staunen bringt. In diesem Staunen steckt ein geistiges Innehalten, das ist der Moment, wo Nachdenken einsetzt, wo eine Aneignung der Welt stattfindet. Wir wollen nicht Physik, Chemie oder Biologie lehren, sondern erleben lassen – um damit das rationale Denken zu fördern.

Stehen deshalb auch nur wenig Erklärungen an den Exponaten?

Richtig, die Besucher sollen nicht uns das Denken überlassen, sie sollen zu eigenen Lösungen kommen. Leider gibt unsere Gesellschaft die Denkfähigkeit immer mehr ab – an Spezialisten, Glaubenskrieger oder Twitter-Könige. Das Problem an Fake News sind nicht die falschen Nachrichten an sich, sondern vielmehr, dass die überhaupt geglaubt werden. In dieser Komplexität der Welt haben wir Menschen immer mehr die Sorge, dass die Welt für uns nicht mehr erklärbar ist. Aber das ist sie! Das sollen die Besucher begreifen, das ist im Kern das, worum es uns im Phaeno geht.

Die Exponate sind Mittel zum Zweck, Gehirnschmalz anzuregen?

Wir sagen immer gerne, wir sind ein „Hands-on“-Haus, also zum Anfassen. Wobei das nicht richtig passt, denn „Hands-on“ bezeichnet die Methode. Unser Ziel lautet „Brains-on“ – also „Gehirne-an“.

Als Sie 2013 die Phaeno-Leitung übernommen haben, überraschten Sie damit, dass Sie den Hadid-Bau nicht über alle Maße lobten. Haben Sie mittlerweile Frieden mit dem Gebäude geschlossen?

Jein! Als ich das Phaeno kennenlernte, habe ich meinen Vorgänger Herrn Dr. Guthardt gefragt: Warum tun Sie sich eine solche Architektur an? Inzwischen weiß ich warum. Ich liebe dieses Haus dafür, was es mit den Menschen tut, wenn sie unten das Gebäude betreten, dann die Rolltreppe hochfahren und oben angekommen sich in ihrem Blickfeld das Gebäude öffnet. Dann öffnet sich auch ein Stück weit ihr Kopf. Und der Raum überrascht, denn hinter jeder Ecke findet man noch etwas, der Besucher wird ständig überrascht. Das hat die Architektin Zaha Hadid wirklich ganz großartig gemacht. Nur eins hat sie in ihrem Entwurf wirklich vergessen: eine große Werkstatt.

Wie fällt Ihre persönliche Bilanz nach sieben Jahren Phaeno aus?

Als ich nach Wolfsburg kam, hatte mich die Aufgabe gereizt, dieses Haus mit einer solchen Star-Architektur so zu bespielen, dass es zu einem Miteinander der Objekte und des Hauses kommt. Der große Raum stand bei den alten Exponaten häufig im Vordergrund. Diese Exponate duckten sich förmlich, sie waren relativ klein und überschaubar. Ich wollte mit der Architektur spielen und sie an die Ausstellungen annähern. Dafür haben wir größere Exponate wie den Schwindeltunnel, das Luftlbyrinth, die Kugelbahnen und viele mehr aufgestellt, die schon mal halbe Raumhöhe erreichen und wie Leuchttürme innerhalb der Ausstellung funktionieren. In

den Sonderausstellungen wurden außerdem Themen aufgegriffen, mit denen sich das Phaeno bis dahin hinsichtlich der Interaktion zwischen Besuchern und Exponaten lange schwer getan hat. Zum Beispiel Themen wie Zeit oder Digitale Welt. Ein Science-Center wie das Phaeno steht ja grade für die reale und nicht die virtuelle Welt. Auf der anderen Seite sind Digitale Phänomene längst Alltagsphänomene geworden. Was macht das mit unserem Leben, wenn wir den ganzen Tag mit unserem Smartphone herumlaufen? Auch auf solche Fragen müssen wir Antworten entwickeln, die die Besucher wiederum dazu anregen, sich selbst neue Fragen zu stellen. Unser erster Aufschlag in dieser Hinsicht war die Sonderausstellung Smarte neue Welt. Die technische Seite haben wir dabei ganz gut gemeistert. Inhaltlich war dieses Thema schon sehr komplex, es hat uns fast überfordert. Wir dachten bei einigen Ideen, sie wären eine total coole Erfahrung für die Besucher. Die waren aber nur cool für Ober-Nerds, aber längst nicht für alle Besucher und haben es so dann nicht in die Ausstellung geschafft.

Woran messen Sie den Coolheitsfaktor?

Den erkennt man nicht daran, wie viele Besucher ein Exponat ausprobieren. Es geht nicht um Quantität, sondern um Qualität: Sie sehen es, wenn sie Leute beobachten, wenn sie Menschen an den Objekten beobachten. Machen Sie das?Ich liebe es, diesen Moment mitzuerleben, wenn es beim Besucher Klick macht, wenn plötzlich etwas in seinem Kopf passiert. Richard Gregory (Anmerkung: britischer Psychologe und Neurowissenschaftler, 1978 Gründer des ersten Wissenschaftsmuseums in Großbritannien) hat dies mal als mentales Feuerwerk bezeichnet. Diesen Heureka-Moment wünschen wir uns bei allen unseren Besuchern. Wenn ich bei einem Exponat feststelle, dass bei den Besuchern generell nichts passiert, dann ist dieses Objekt nicht für das Phaeno geeignet. Wir stellen aber durchaus Exponate aus, die vielleicht nur von fünf Prozent unserer Besucher erfassbar sind. Weniger sollten es keinesfalls sein.

Wie werden die Exponate eigentlich entwickelt?

Wir sitzen oft in Teamrunden zusammen, entwickeln erste Ideen und Entwürfe zu Themen, die wir schon immer einmal umsetzen wollten. Untereinander fängt das kreative Karussell an sich zu drehen. Zum Teil können wir fertige Objekte kaufen, oder wir beschreiben Herstellern unsere Idee, was ein Objekt tun soll. Es gibt für solche Exponate relativ große Anbieter. Wir hatten zum Beispiel die Idee zu einem Objekt zur Zeitwahrnehmung. Es gab vor Jahrzehnten das Exponat des Exploratoriums in San Francisco, bei dem der Himmel im Verlauf eines Jahres immer wieder fotografiert wurde. Die Idee war gut, nur wollten wir keine Fotografie. Wir entschieden uns deshalb für sechs Filmstreifen von ein paar Minuten Länge, auf denen jeweils verschiedene Tage im Jahr abliefen. Das heißt, sie hatten plötzlich ein Bild vor sich, das das ganze Jahr repräsentierte. Das war ein unheimlich schönes Exponat – im Phaeno entwickelt und mit einer externen Firma realisiert. Aktuell steht es im Lager. Es wird aber wieder in die Ausstellung zurückkehren.

Wie wichtig ist der Zeitgeist – bietet sich ein Thema wie Fake News für eine Sonderausstellung an?

Das Universum in Bremen hatte Anfang des Jahres eine Zusatzausstellung „Real not Fake“. Das war wirklich spannend, ist aber nicht die Art und Weise, wie wir bisher an so ein Thema herangegangen sind. Wir möchten solche Themen gerne häufiger aufgreifen, sie aber langfristig vorbereiten. Unser Anspruch ist es außerdem bei allen Exponaten, dass man sie nicht lesen, sondern mit ihnen interagieren soll. Deshalb müssen wir bei diesen Megatrends und Zukunftsthemen immer genau prüfen, welche Themen sich überhaupt eignen. Bei den Sonderausstellungen Zeit sowie Smarte neue Welt haben wir uns wirklich weit hinausgewagt. Bei anderen Themen eigenen sich andere Formate besser, etwa Workshops. Wir haben zum Beispiel eine Forschungskiste entwickelt. Sie können nicht hineinschauen, sollen aber herausfinden, was in dieser Kiste ist. Sie können tasten, daran riechen, die Kiste vermessen – das ist klassische Naturwissenschaft. Man macht sich von außen ein Modell von etwas, was man nicht sehen kann. Dabei lernt man so unglaublich viel darüber, wie Wissenschaft funktioniert. Aktuell arbeiten wir intensiv am Thema Klima. Bei Klimathemen handelt es sich meist um langfristige Prozesse, dieses im Phaeno in Exponate umzusetzen, wird nicht einfach sein.

Viele Menschen, insbesondere Heranwachsende und junge Erwachsene, sind von Technik und technischen Fortschritt weniger begeistert. Ihnen geht es um Klimaschutz. Welchen Beitrag kann das Phaeno dazu leisten?

Klimaschutz ist eine zentrale Fragen der Menschheit. Wenn Corona längst wieder weg ist, wird der Klimawandel immer noch da sein und die Situation ist längst dramatisch. Ich glaube nicht, dass wir die Klimaproblematik mit weniger Technik in den Griff kriegen, sondern mit einem besseren Verständnis von Technik und einer intelligenteren Nutzung von Techniken. Am Ende des Tages wird es sich entscheiden, ob wir bereit sind, unser Verhalten zu ändern.

Seit Sie 2013 die Leitung des Phaeno übernommen haben, gab es zahlreiche Sonderausstellungen. Welche Sonderausstellungen waren Ihre persönlichen Highlights?

„Luft – federleicht und tonnenschwer“ deshalb, weil die Ausstellung geschafft hat, etwas so schwer Fassbares fassbar zu machen. Und natürlich auch, weil dies meine erste echte eigene Sonderschau war, die ich schon vor meinem Antritt in Wolfsburg mit den künftigen Kollegen geplant hatte. „Smarte neue Welt“, weil es dieser höchst ambitionierte Versuch war, ein ganz neues Thema für uns zu erobern und wir dabei viel gelernt haben. Und „Phaeno Bricks“, weil es so unglaublich toll war, mit welcher Leidenschaft die Aussteller gebastelt haben. Sowas inspiriert wiederum die anderen Besucher, es ihnen gleich zu tun. Eine Sonderausstellung liegt mir ganz besonders am Herzen, die schon vor meiner Zeit in Wolfsburg stattfand. Das waren die „Spiegelbilder“, die vom Technorama in Winterthur geliefert wurden, wo ich zu der Zeit noch arbeitete. Ich kam für einige Tage nach Wolfsburg, richtete die Ausstellung ein und schulte die Mitarbeiter. Damals habe ich mich ein bisschen ins Phaeno verliebt: „Hier mal was machen, boah, dazu hätte ich Lust“, dachte ich mir damals.

Wie ist allgemein in Deutschland die Lage der Science-Center – herrscht heute noch die ganz große Begeisterung wie vor 15 Jahren zur Phaeno-Eröffnung?

Es gibt derzeit keine Aufbruchsstimmung für richtig große Einrichtungen, wie noch bei der Eröffnung des Universums in Bremen im Jahr 2000 oder dem Phaeno 2005. Viele dieser Pläne wurden zurückgestellt. Eine Ausnahme ist ein Großprojekt in Hamburg. Der Hansestadt und insbesondere Politik muss allerdings klar sein: Solche Häuser finanzieren sich nicht selbst. Man muss eine Entscheidung treffen, so wie Wolfsburg das damals sehr mutig und einstimmig getan hat. Ich bin mir nicht sicher, ob heute eine solche Entscheidung noch einmal getroffen werden würde. Es entstehen allerdings immer mehr kleinere Häuser, zum Beispiel das Explorhino in Aalen, das Energie Erlebnis Zentrum in Aurich oder das Ozeanum in Stralsund. Das ist eine ganz spannende und tolle Entwicklung. All diese Einrichtung transportieren die Idee von „Hands on“ und „Brains on“ ins flache Land. Das macht auch Sinn – keine Schulklasse fährt aus Bayreuth, Flensburg oder Hamburg bis nach Wolfsburg, nur um ein Science Center zu besuchen.

Gibt es kein Konkurrenzdenken untereinander?

In der Gründungszeit der großen Häuser standen diese eher in Konkurrenz zueinander, weil es um die überregionale bis hin zur nationalen Wahrnehmung ging. Da hatte das Phaeno mit seiner herausragenden Architektur einen großen Vorteil. Grad jetzt in der Corona-Zeit ist die Zusammenarbeit untereinander enorm gewachsen. Wir haben uns in der Science-Center-Vereinigung MINTaktiv, in der Science Center und Museen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz verbunden sind, und, deren Präsident ich aktuell bin, zusammengetan. Wir haben gemeinsam eigene Hygiene-Konzepte für Einrichtungen mit interaktiven Exponaten entwickelt. Nach der Wiedereröffnung haben wir unsere Erfahrungen miteinander geteilt, jede Einrichtung hat offen und ehrlich ihre Daten auf den Tisch gelegt. Das war unglaublich erfüllend. Ein wenig wünsche ich mir das ganz allgemein für Deutschland. Wir stehen diese Krise nur gemeinsam durch. Das ist es, worauf es ankommt!

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