Personalwechsel in Erziehungsberatung Wolfsburg – Eltern in Sorge

Wolfsburg.  Die Stadt versetzt mehrere langjährige Mitarbeiter. Väter bangen um Fortsetzung ihrer betreuten Gruppentreffen.

In der Braunschweiger Straße 12 befindet sich die städtische Erziehungsberatung. Personelle Veränderungen haben für viel Unruhe bei Mitarbeitern und vor allem Eltern gesorgt. 

In der Braunschweiger Straße 12 befindet sich die städtische Erziehungsberatung. Personelle Veränderungen haben für viel Unruhe bei Mitarbeitern und vor allem Eltern gesorgt. 

Foto: Anja Weber / regios24

Es ist eine Mischung aus Enttäuschung, Verzweiflung und Wut, die Jens Benter verspürt. Der 50-jährige Vater von zwei Kinder befürchtet das Aus der Vätergruppe. Das seit 2013 bestehende und gut angenommene Angebot der Stadt Wolfsburg nutzen in erster Linie Männer, die von den Müttern ihrer Kinder getrennt oder geschiedenen sind. Sollte es mit der Vätergruppe gar nicht oder nicht in der gewohnten Qualität weitgehen, so Benter, „würde eine kleine Welt für mich zusammenbrechen“.

Mit der Meinung steht der 50-Jährige nicht allein da – das wurde in Gesprächen mit mehreren Vätern deutlich. „Die Vätergruppe darf auf keinen Fall infrage gestellt werden, sondern muss erhalten bleiben“, sagt Michael Imrock aus Wolfsburg. Der Vater zweier erwachsener Söhne warb zusammen mit zwei weiteren Mitstreitern vor sieben Jahren bei Politik und Verwaltung für die Unterstützung eines solchen Angebots – mit Erfolg. „Es ist toll, dass man sich in der Vätergruppe austauschen kann und merkt, man steht mit seinen Problemen nicht alleine da“, sagt Imrock, der noch heute engen Kontakt zu verschiedenen Vätergruppen hält.

Sieben Stellen sollen neu besetzt werden

Die Sorge der Väter über den Fortbestand der Gruppe ist nicht unbegründet. Hintergrund sind personelle Veränderung in der Abteilung Beratung des Geschäftsbereichs Jugend. Nach Informationen unserer Zeitung sollen dort insgesamt sieben Stellen neu besetzt werden. Darunter auch die von Dr. Hamid Bashiriyeh. Dieser hatte sein Amt erst am 1. Januar übernommen und nach einem halben Jahr Vakanz die Nachfolge von Reinhard Rodemann (aktive Altersteilzeit) angetreten. Betroffen sein sollen außerdem zwei Therapeuten und zwei Sekretärinnen der in der Braunschweiger Straße 12 ansässigen Erziehungsberatungsstelle sowie zwei Mitarbeiter der Sozialen Gruppenarbeit.

Stadt: Nachbesetzungen sind in der Ausschreibung

Die Stadtpressestelle teilte auf Anfrage unserer Zeitung lediglich mit: „Aktuell gibt es in der Abteilung Beratung, zu der die Erziehungsberatung, das Interkulturelle Väterbüro und die soziale Gruppenarbeit gehören, Umstrukturierungen und damit einhergehend personelle Veränderungen. Nachbesetzungen sind in der Ausschreibung. Die Arbeit und Angebote (wie die Vätergruppe) werden, auch unter den geltenden Corona-Einschränkungen, bestmöglich organisiert, um eine Kontinuität sicher zu stellen.“ Zahlreiche weitere Fragen unserer Zeitung ließ die Stadt unbeantwortet.

Geplante Einsparungen von 50.000 Euro

Zum Beispiel nach eventuellen Einsparungen. So sieht das Verwaltungspaket zur Haushaltskonsolidierung eine „Reduzierung der Honorarmittel für die Erziehungsberatung“ von jeweils 25.400 Euro in 2020 und 2021 vor. Für viele Familien wäre eine Verschlechterung des qualitativen und quantitativen Beratungsangebots ein herbe Enttäuschung. „Mein Erziehungsberater hat mir immer geholfen, wenn ich einen Durchhänger hatte“, berichtet ein Sülfelder, der sowohl die Erziehungsberatung als auch die Vätergruppe besucht hat. „Seine direkte Art und seine große Erfahrung haben mich sehr beeindruckt.“ Ein anderer Vater drückt seine Dankbarkeit gegenüber des Familientherapeuten noch deutlicher aus: „Er hat mein Leben gerettet.“

Wie wichtig und notwendig die professionelle Unterstützung für manche Mütter, Väter und Kinder gerade in aktueller Zeit ist, schrieben Markus Mende und Maximilian Hortsch vom Interkulturellen Väterbüro im Juli in ihrem Infobrief. Für viele Familien stelle die Ungewissheit, wie es mit der Corona-Pandemie weitergeht, eine psychische Belastung dar. Viele von den Kindern getrennt lebenden Väter sorgten sich, dass ihre Umgangszeiten mit den Kindern aufgrund der Corona-Pandemie gefährdet sein könnten, oder mussten zum Teil auch die Erfahrung machen, dass abgesprochene Umgangszeiten nicht stattfanden. Zudem habe sich gezeigt, dass sowohl für Väter aus harmonischen und stabilen Familien als auch für die alleinerziehenden Väter die Betreuung der Kinder aufgrund der Schließung von Krippen, Kitas und Schulen eine große Herausforderung darstelle.

Vätergruppe

Die in Kooperation von der Wolfsburger Erziehungsberatung und dem interkulturellen Väterbüro angebotene Vätergruppe richtet sich in erster Linie an getrennt lebende Väter, die sich unter professioneller Begleitung von zwei Familienexperten austauschen. Pro Jahr gibt es ein Gruppenangebot mit etwa zehn Treffen. Viele Väter treffen sich nach dem offiziellen Ende des Gruppenangebots auch weiterhin regelmäßig ohne Anleitung eines Therapeuten.

Kommentar

Von Markus Kutscher

Schlechter Stil

„Er hat mein Leben gerettet.“ Dieser Satz eines Vaters über einen Therapeuten der städtischen Erziehungsberatung sagt eigentlich schon alles über die Bedeutung dieser Einrichtung aus. Entsprechend groß ist der Schock bei vielen Müttern, Vätern, aber auch Kindern. Sie haben Angst, ihren festen Ansprechpartner, zu dem sie in stundenlangen Sitzungen ein Vertrauensverhältnis aufgebaut haben, zu verlieren. Es ist das gute Recht der Stadt, Stellen um, neu oder nicht wieder zu besetzen. Im Bereich der Erziehungsberatung, wo die Emotionen bisweilen hoch kochen, wo Vertrauen eine große Rolle spielt, ist aber besonders viel Fingerspitzengefühl gefragt. Dies hat der Geschäftsbereich Jugend in diesem Fall vermissen lassen. Was ist mit den Müttern, Vätern, Kindern, die akute Hilfe brauchen? Bekommen sie kurzfristig einen Termin? Wie lange ist „ihr“ Erziehungsberater überhaupt noch da? Wie wird die Nachfolge geregelt? Findet die Vätergruppe, in der Männer ganz offen über ihre Sorgen und Nöte sprechen können, weiterhin statt? Mitten im zweiten Corona-Lockdown und kurz vor der für manche konfliktreichen Weihnachtszeit alle Beteiligten so zu verunsichern, ist ein ganz schlechter Stil.

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