Eine Handy-App so facettenreich wie ein Schweizer Taschenmesser

Wolfsburg.  Wolfsburg schmiedet gemeinsam mit zwei Kommunen eine Städte-App. Was die bieten könnte, kann man sich in Solingen schon anschauen.

Foto: Hendrik Rasehorn

Die Stadt Wolfsburg hat sich mit den NRW-Großstädten Remscheid und Solingen in einer Entwicklungspartnerschaft zusammengefunden. Das Trio erarbeitet gemeinsam eine Handy-App, die den Bürgern ganz viel Service bieten soll. Ein Blick hinter die Kulissen lieferten die Oberbürgermeister der Städte jüngst in einer virtuellen Pressekonferenz. Wolfsburg startet in diesem Frühjahr mit der Testphase, die offizielle Veröffentlichung der App ist für das zweite Quartal 2021 geplant. Solingen ist schon seit vergangenem Jahr mit „Mensch Solingen“ am Start. Die wird von den Bürgern bereits reichlich genutzt – vor allem in Corona-Zeiten, hieß es. Das gemeinsame App-Projekt, deren Angebote jeweils auf die Bedürfnisse der Kommunen zugeschnitten wird, soll künftig auch anderen Städten zur lizenzfreien Nutzung offenstehen.

Corona-Infos am stärksten nachgefragt

Auch auf der Internetseite der Wolfsburger Nachrichten waren 2020 die täglich aktualisierten Corona-Informationen am stärksten von den Lesern nachgefragt und werden es wohl auch in 2021 sein. Angesichts der Epidemie und der immer neuer Schutzmaßnahmen stellen sich die Bürger viele Fragen. In der „Mensch Solingen“-App wurde ein eigener Corona-Unterpunkt eingerichtet. Auf einen Blick erhalten die Benutzer Zahlen zum Infektionsgeschehen in ihrer Stadt. Eingebettet ist außerdem ein Corona-Assistent: Wenn sich ein Bürger in Quarantäne befindet, kann er den täglichen Kontakt zum Gesundheitsamt online halten. Es ist auch möglich, über die App Corona-Tests zu vereinbaren und Testergebnisse abzurufen. Informiert wird über Verordnungen wie die Bereiche, wo in Solingen Maskenpflicht gilt – auch mit Hilfe eines Stadtplans. „Es ist schon von Vorteil, wenn wir die Bürger über das Handy mit Nachrichten zu besonderen Lagen versorgen und zudem eine Menge von Informationen in der App einstellen können“, berichtet Solingens OB Tim Kurzbach. In die App eingebunden sind außerdem weiterführende Angebote zur Kinderbetreuung, zum Notfalltelefon für Alleinstehende oder zur Wirtschaftsförderung und darüber hinaus „Solingen liefert“ – ein Portal mit Angeboten lokaler Einzelhändler, Gastronomen und Dienstleister.

Mehr als 20.000 Mal wurde die Solingen-App bereits heruntergeladen

Der Vorteil dieser App im Zusammenhang mit Corona sollte jedem einleuchten. „Mensch Solingen“ wartet auch mit dem Wetterassistenten Kira auf. Er bezieht seine Daten von mehreren Sensoren, die über das Stadtgebiet verteilt liegen. Die App kennt den Standort des Nutzers. Der wiederum kann über ein Untermenü einstellen, dass er etwa die Wäsche draußen hängen hat oder die Fenster zum Lüften offenstehen, damit er über kurzfristige Wetterereignisse wie Regen oder Sturm auf seinem Handy benachrichtigt wird. Eine weitere Anwendung ist das Kunstprojekt „Quartier Wald“, das in Solingen im öffentlichen Raum ausgestellt wird und zu dem die App-Nutzer Informationen zu den einzelnen Werken sowie einen Routenplan finden.

Mehr als 20.000 Mal wurde die Solingen-App bereits heruntergeladen, 6000 Nutzer greifen wenigstens wöchentlich darauf zu. „Es gibt wichtige Teile der Stadtgesellschaft, die keine eigene App an den Start bringen könnten. Deswegen bringen wir viele solcher Angebote zusammen, auch damit die Bürger nicht zig verschiedene Apps aus ihrer Stadt herunterladen müssen, sondern alles in einer haben“, erklärt der Solinger Projektveranwortliche Dirk Wagner.

App macht auch Kauf von Busfahrkarten möglich

Man kann in der App jetzt schon nachschauen, wann der nächste Bus kommt. Künftig soll es möglich sein, über die App auch gleich das Busticket zu kaufen. In einem weiteren Schritt sollen Informationen bis hinunter in die einzelnen Stadtteile angeboten werden. Darüber besteht für die Kommunen ohnehin die Verpflichtung durch das Onlinezugangsgesetz, Verwaltungsdienstleitungen zu digitalisieren. Wofür es heutzutage zuweilen noch einen Präsenztermin beim Amt benötigt, soll dies mit der App online erledigt werden.

Die Digitalinitiativen in Wolfsburg und Solingen werden durch das Modellprojekt Smart Cities des Bundesinnenministeriums gefördert, Solingen und Remscheid bekommen außerdem Unterstützung vom Land. Ganz gleich, um welchen Fördertopf es geht, alle sind darauf angelegt, dass die geförderten Städte modellhafte Lösungen erarbeiten, die einmal von anderen Kommunen übernommen werden sollen, ohne dass die dafür zahlen müssen. Dafür arbeiten die IT-Experten der drei Kommunen gemeinsam an der App, jede Stadt verfolgt dabei Schwerpunkte, alle gemeinsam tauschen sich und ihre Daten aus. Dies erhöhe auch die Sicherheit der App. „Die Bürger haben großes Vertrauen in die Kommunen und wir haben ein großes Interesse an Sicherheit. Das ist bei privaten Anbietern vielleicht nicht zwingend so“, meint Wolfsburgs OB Klaus Mohrs.

"Man muss das nur pushen“

Die Kommunen müssten nicht die Konkurrenz aus der Wirtschaft fürchten, meint Solingens OB Tim Kurzbach. „Wir haben anfangs mit Privatunternehmen und Startups zusammengearbeitet und die Erfahrung gemacht, dass die auch ihre Grenzen haben und zuweilen auf lokale Bedürfnisse nicht so eingehen können. Aber in der Kommunalverwaltung steckt auch verdammt viel Wissen und Ideen. Man muss das nur pushen.“ Letztlich werde jede Stadt für den Betrieb ihrer eigenen App selbst verantwortlich sein, erläutert der Referatsleiter Digitalisierung, Sascha Hemmen. „Wir wollen aber die Expertise von allen Partnern des Projekts zusammenführen und die App gemeinsam weiterwickeln. Grad im Bereich der Kernkomponenten haben wir da einen Vorteil.“ Wolfsburgs Digitalisierungs-Stadtrat Dennis Weilmann hält die Zusammenarbeit der drei Städte für beispielhaft. „Bei dem Thema Stadt der Zukunft und Smart City stehen alle Kommunen vor der gleichen Herausforderung. Digitale Themen sind geradezu dafür prädestiniert, interkommunal zusammen zu agieren und vor allem, um sich zu vernetzen.“

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