Die Riesen-Pressen von VW sind echte Sensibelchen

Wolfsburg.  Sie formen Bleche wie unsereins Servietten. Aber die Riesenpressen von VWsind auch super-empfindlich. Ein neues Werkzeug gewährt exakte Einblicke.

Alles in Ordnung! Die Maschinenschlosser Volker Matzner (links) und Tino Sandner kontrollieren die Sensoren des Pressenfingerabdruck-Werkzeugs zu Beginn der Messung.

Alles in Ordnung! Die Maschinenschlosser Volker Matzner (links) und Tino Sandner kontrollieren die Sensoren des Pressenfingerabdruck-Werkzeugs zu Beginn der Messung.

Foto: Matthias Leitzke/Volkswagen AG

Das Presswerk im VW-Stammwerk setzt ein neues Spezialwerkzeug ein, um einen einheitlichen Standard beim Pressen von Karosserieteilen zu schaffen. Mehr als 100 Sensoren und Messinstrumente des sogenannten „Pressenfingerabdruck“-Werkzeuges erfassen dabei sämtliche Kräfte, die in einer Presse beim Umformen auf das Stahlblech einwirken sowie die individuellen Eigenschaften der Presse selbst. Darüber berichtet das Unternehmen in einer Pressemitteilung.

Da sowohl Kräfteverteilung als auch Eigenschaften jeder Presse über die gesamte Betriebsdauer nicht gleichbleibend sind, können mögliche Abweichungen durch das Spezialwerkzeug frühzeitig erkannt und während fest eingeplanter Instandhaltungen repariert werden. Kostspielige, unvorhersehbare Maschinenausfälle (Havarien) und damit verbundene Verlagerungskosten der Produktion können reduziert sowie die Anlagenverfügbarkeit erhöht werden, so VW.

Das mit dem Fraunhofer Institut für Werkzeugmaschinen und Umformtechnik (IWU) entwickelte und weltweit einmalige Spezialwerkzeug wurde 2013 vom Werkzeugbau der Marke Volkswagen gebaut. Es unterstützt die Null-Fehler-Strategie der Volkswagen Presswerke. „Der Abdruck eines Ziehkissens auf einem Stück Blech ist so einzigartig, wie ein Fingerabdruck“, weiß Ulrich Meyer, Leiter Prozessanalyse im Wolfsburger Presswerk.

„Jede kleinste Bewegung innerhalb einer Presse erzeugt Einflüsse, die maßgeblich Auswirkungen auf die Form und somit auf die Qualität unserer Karosserieteile haben. Mit dem neuen Spezialwerkzeug können wir die Kräfteverteilung jeder einzelnen Großraum-Presse exakt messen, Werkzeuge schneller in die Fertigung integrieren und die Produktivität unserer Presswerke weiter steigern “, so Meyer.

Eine moderne Großraumpresse besteht aus einer hochkomplexen Mechanik beweglicher Teile. Bereits kleinste Abweichungen der Kräfteverhältnisse aber auch individuelle Bewegungsmuster der Pressen können in Summe für unterschiedliche Qualitätsergebnisse sorgen. Wo ist mein Kraftschwerpunkt? Muss der Pressentisch steifer oder weicher sein? Wie hoch waren die Kräfte bei der Formgebung vor der Modernisierungs-Maßnahme einer Presse und wie hoch sind sie jetzt? Wer all diese Fragen beantworten kann, verkürzt den zeitlichen Aufwand zur Einarbeitung neuer und bestehender Werkzeuge und sorgt für eine stabil hohe Qualität der Karosserieteile von Anfang an. Aber auch mögliche Mängel, die sich oft im Stillen ankündigen, können so frühzeitig erkannt und behoben werden.

„Zwar nutzen wir das Pressenfingerabdruck-Werkzeug im Augenblick hauptsächlich am Standort Wolfsburg. Dennoch wissen natürlich auch unsere Kollegen an anderen Standorten, beispielsweise in den Presswerken von Emden und Hannover, um die Vorteile dieses weltweit einzigartigen Spezialwerkzeugs – wir bekommen viele Anfragen“, erklärt Meyer stolz. Betriebsrat Andreas Hoppenbrink betont: „Dieses Beispiel zeigt deutlich, dass wir im Werkzeugbau und allen anderen Stellen nicht bei der Ausbildung der Kolleginnen und Kollegen sparen dürfen. Innovation und Ausbildung sind zwei Seiten einer Medaille. Und ohne das umfassende Wissen der Kolleginnen und Kollegen hier wäre das Projekt nie etwas geworden.“

Angestoßen wurde die Entwicklung des bis heute einmaligen Spezialwerkzeugs zum exakten Vermessen und Kalibrieren von Großraum-Pressen von der Technologieplanung des Werkes Wolfsburg. Das anschließend gestartete Nutzungsprojekt endete Anfang 2019 mit dem erfolgreichen Vermessen aller Großraum-Pressen des Volkswagen Presswerkverbunds. Seit dem 1. Februar 2019 ist das Presswerk Wolfsburg Betreiber des patentierten Pressenfingerabdruck–Werkzeugs.

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder