Wolfsburg/Volkswagen

Protest gegen die VW-Fabrik: Sie kommen, um zu bleiben

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Die spektakuläre Baumhaus-Aktion zum Schutz des Hambacher Forstes ist das Vorbild für viele aktivistischen Umweltgruppen. Die Aktion war erfolgreich. Nun gerät auch das Trinityprojekt in Warmenau ins Visier von Aktivisten.

Die spektakuläre Baumhaus-Aktion zum Schutz des Hambacher Forstes ist das Vorbild für viele aktivistischen Umweltgruppen. Die Aktion war erfolgreich. Nun gerät auch das Trinityprojekt in Warmenau ins Visier von Aktivisten.

Foto: dpa

Wolfsburg.  Die Gruppe „StopTrinity“ steht mit ihrer Dauermahnwache bei Warmenau für eine neue Qualität des Widerstandes gegen den Fabrikneubau.

Dass Volkswagen ein in vielerlei Hinsicht symbolträchtiges Unternehmen ist, das ist keinesfalls neu. Gerne wird der Wolfsburger Autobauer deshalb auch zum bevorzugten Ziel von Umweltschützern, Klimaaktivisten und Menschenrechtsgruppen. Volkswagen garantiert Aufmerksamkeit. Das gilt nun auch für den Bau der neuen Trinity-Fabrik nahe Warmenau. Auf den Feldern und Wiesen droht dem Autobauer Ungemach.

„Menschen mit ganz unterschiedlicher Motivation“

Wo Unternehmen, Betriebsrat, Gewerkschaften und Politik von Zukunftssicherung, technischem Fortschritt und Jobs sprechen, sehen die Mitglieder von StopTrinity grundsätzlich einen Irrweg beschritten, der die Klimakrise eher noch begünstige. Sie lehnen den Individualverkehr ab und fordern auf ihrer Homepage und in Mails „eine echte, sozial und ökologisch gerechte Verkehrswende, dafür gut ausgebauten und kostenlosen ÖPNV, Fahrradstraßen, autofreie und lebenswerte Innenstädte“.

Ab Donnerstag, 22. September, wollen sie mit einer Dauermahnwache auf dem Gelände der künftigen Fabrik ein Zeichen gegen die nach ihrer Meinung verfehlte Verkehrspolitik setzen. Von Zelten, Infoständen und Bauwagen ist im Vorfeld die Rede. Man wolle die Anwohner informieren und mit ihnen über das Projekt diskutieren, sagte ein Sprecher vono „StopTrinity“ unserer Zeitung. Zur Gruppe gehörten Menschen „mit ganz unterschiedlicher Motivation“, das Ziel sei aber klar: die Fabrik dürfe nicht gebaut werden.

Was unternehmen Stadt, VW und Grundbesitzer?

Zunächst einmal stellt sich nun die Frage, wo die bei der Stadt angemeldete Versammlung genau stattfinden soll. Teilweise gehören die Flächen schon Volkswagen, teilweise noch der Stadt oder Landwirten. Zudem geht es um das Wegerecht, das bei den Feldmark- und Forstgenossenschaften liegt. Ob und wie diese Interessengruppen mit dem Vorhaben der Trinitygegner umgehen, ist noch nicht bekannt.

Einfach verbieten kann die Stadt die Dauermahnwache nicht, sie wird vom Demonstrationsrecht geschützt. Volkswagen hat betont, dass man dialogbereit sei und bleibe. Ob die Aktivisten von StopTrinity darauf Wert legen, ist eher unwahrscheinlich. Im Gespräch sagte ein Sprecher, dass es keinen Dialog auf Augenhöhe gebe, da die Sache ja ohnehin entschieden sei.

Klimastreik am Rathaus mit Critical Mass

Unterschätzt werden sollte die Sogwirkung der geplanten Aktion nicht. Welche dramatische Eigendynamik eine Protestaktion entwickeln kann, hat das Beispiel Hambacher Forst in Nordrhein-Westfalen gezeigt (siehe Infokasten). Auf jeden Fall kommen die Aktivisten nach Warmenau, um vorerst zu bleiben. Sie haben bereits ein Programm für die nächsten Tage ausgearbeitet. Am Freitag gibt es ab 15 Uhr einen Klimastreik am Rathaus, „danach Critical Mass zur Mahnwache“.

Critical Mass ist eine weltweite Bewegung, „bei der sich mehrere nicht motorisierte Verkehrsteilnehmer (hauptsächlich Radfahrer) scheinbar zufällig und unorganisiert treffen, um mit gemeinsamen und unhierarchischen Fahrten durch Innenstädte, ihrer bloßen Menge und dem konzentrierten Auftreten von Fahrrädern auf den Radverkehr als Form des Individualverkehrs aufmerksam zu machen“ (Quelle: Wikipedia).

Volles Programm bis zum 8. Oktober

Es gibt für jeden Tag Programmpunkte – bis zum 8. Oktober, an dem eine ökologische Führung mit dem Nabu Wolfsburg vorgesehen ist. In einem Vortrag wird auf eine Ackerbesetzung bei Neu-Eichenberg hingewiesen, die den Bau eines riesigen Logistikzentrums verhindern sollte. Tatsächlich kam bei den Kommunalwahlen im Vorjahr eine politische Mehrheit gegen das Projekt in Nordhessen zustande. Auch dort ging es um die Versiegelung großer und landwirtschaftlich sowie ökologisch wertvoller Ackerflächen. In diesem Sinne argumentiert die Gruppe nun auch in Warmenau.

„Über 100 Hektar Ackerland werden auf ewig unter Beton verschwinden und für Nahrungsmittelproduktion unbrauchbar gemacht werden“, kritisiert „StopTrinity“. Übrigens: In Neu-Eichenberg hielt eine Gruppe das Gelände zwei Jahre lang besetzt.

„Elektroautos fressen massiv öffentliche Gelder“

Auf ihrer Homepage erläutern die Umweltschützer detailliert, warum der Umstieg auf Elektroautos für sie kein Beitrag im Kampf gegen den Klimawandel sind. Zusammenfassend heißt es dort: „Wir wollen keine (Elektro-)Autos, denn Autos bedeuten: Lärm, Unfalltote, Flächenversiegelung, Feinstaub, Ausbeutung von Menschen und anderen Lebewesen. Egal ob mit Elektro- oder Verbrennerantrieb•Elektroautos bedeuten vor Allem: Mehr Autos auf den Straßen.“

Und weiter: „Elektroautos fressen massiv öffentliche Gelder. Subventionierung der Anschaffung von Pkw, Ausbau von Ladeinfrastruktur, subventionierter Strom speziell für E-Autos, aber auch Gelder für Straßenbau, Parkplätze… Dieses Geld könnte sinnvoller in einen gut ausgebauten, kostenlosen ÖPNV gesteckt werden.“ VW verspricht hingegen: „Mit dem neuen Werk zeigen wir, dass industrielle Transformation und Umweltschutz in Einklang gebracht werden können.“ Es bleibt abzuwarten, ob sich aus dieser Konstellation eine spannende öffentliche Debatte entwickeln wird. Oder ob es richtig Stress in Warmenau gibt.

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