Klasse Schlingensief – Braunschweig erinnert an den Visionär

Braunschweig.  Vor zehn Jahren starb der charismatische Aktionskünstler. Frühere HBK-Studenten erinnern mit Ausstellungen an ihren Professor und seine Projekte.

Modell des geplanten Operndorfs von Christoph Schlingensief in Burkina Faso. Bereits verwirklicht wurden u.a. Schulbauten und eine Krankenstation, nicht aber das zentrale Festspielhaus.

Modell des geplanten Operndorfs von Christoph Schlingensief in Burkina Faso. Bereits verwirklicht wurden u.a. Schulbauten und eine Krankenstation, nicht aber das zentrale Festspielhaus.

Foto: Kéré Architecture

Das „Operndorf Afrika“ war das letzte spektakuläre Kunstprojekt, das Christoph Schlingensief angestoßen hat. Laut der gemeinnützigen „Festspielhaus GmbH“, die seine Witwe Aino Laberenz leitet, hat er es als seine wichtigste Arbeit empfunden. Im westafrikanischen Burkina Faso, einem der ärmsten Länder der Welt, in einer kargen Savannenlandschaft sollte ein Ort für den künstlerischen Austausch entstehen, mit einem Festspielhaus im Zentrum. Im Frühjahr 2010 wurde der Grundstein gelegt. Ein halbes Jahr später, im August 2010, starb Schlingensief im Alter von 49 Jahren an Lungenkrebs.

Anderthalb Jahre zuvor hatte der so visionäre wie populäre und so kreative wie krawallige Aktionskünstler eine Professur für „Kunst in Aktion“ an der HBK Braunschweig angetreten. Zehn Jahre nach seinem Tod wollen ehemalige Studenten mit diversen Projekten an ihren charismatischen Professor erinnern. Den Auftakt macht die Kabinett-Ausstellung „Projizieren Sie selbst? Klasse Schlingensief“ im Städtischen Museum Braunschweig. Im Mittelpunkt steht das Operndorf Afrika.

Das Operndorf Afrika wächst – allerdings ohne Festspielhaus

Wer bei dieser Bezeichnung naheliegenderweise an ein Dorf denkt, in dem Opern gespielt werden, liegt falsch. „Der Ort ist nicht wichtig, weil da hinterher ne Arie gesungen wird oder sonstwas“, verkündet ein großformatig ausgedrucktes Schlingensief-Zitat flapsig. Entwürfe des Architekten Francis Kéré, mit dem der Künstler das Projekt entwickelt hatte und der es seitdem weiter vorantreibt, zeigen das schneckenförmige Festspielhaus im Zentrum und konzentrisch darum angeordnet weitere Gebäude: eine Schule, eine Krankenstation, Verwaltungsbauten, Gasthäuser für Künstler. Schule, Krankenstation und 24 weitere Objekte sind bereits in Betrieb. Mit dem Bau des zentralen Festspielhauses wurde bisher nicht begonnen.

In einem Video auf der schön gestalteten Projekt-Website sagt Schlingensief, dass „ein Operndorf mit einer Ziege, einem Brunnen, schreienden Kindern und einem Sportplatz viel besser“ sei als eine afrikanische Kopie des Grünen Hügels von Bayreuth. „Enttäuscht werden doch nur irgendwelche Wagnerianer sein, die denken, sie könnten dort die ,Götterdämmerung’ hören. Aber die zu enttäuschen, ist nicht schlimm.“

Schule statt Oper in Burkina Faso

Tatsächlich wirkt das Operndorf auf Foto-Impressionen in der Braunschweiger Schau vor allem wie ein großes Schul-Projekt: Kinder beim Unterricht, Kinder beim Spielen, Kinder unterwegs zwischen schlichten, soliden Steinbauten mit teils interessant geschwungenen Solardach-Konstruktionen, die laut Architekt Francis Kéré ein ausgeklügeltes natürliches Belüftungssystem haben.

Ein früherer Student der Klasse Schlingensief war 2015 als erster Stipendiat des künstlerischen Austauschprogramms im Operndorf. In der Schau sind zwei faszinierende Video-Tricktechnikarbeiten von Tobias Dostal zu sehen. In „Burkina Rocks“ inszeniert er magische Formen, die zerlaufendes Wasser auf Felsbrocken bildet. In „Handreich in Burkina“ lässt er Kinderhänden phantastische Schattenwesen entspringen.

Tatsächlich findet im Operndorf künstlerisches Leben statt. Es gibt laut dem Berliner Büro seit vergangenem Jahr ein Kinderfilmfestival, das in diesem Jahr allerdings Corona-bedingt verschoben werden musste. Die Operndorf-Website listet unter anderem auch einen Tanzkongress auf, ein Musikfestival und Workshops von Künstler-Stipendiaten mit den Kindern.

In der Braunschweiger Schau, die die frühere Schlingensief-Studentin Franziska Pester kuratiert hat, sind etwa Fotoarbeiten von Roumba Maxime Wendyam zu sehen, die im Operndorf entstanden sind. Dazu gibt es Zitate von Schlingensief und Kéré und ein paar Erinnerungsstücke an Schlingensiefs Braunschweiger Zeit, eher assoziativ als systematisch zusammengestellt.

Zentral ist neben Dostals Projektionen eine Video-Arbeit von Malte Struck, „Erinnern heißt vergessen 2.0“. Struck hat einen „Animatographen“ konstruiert: Auf einer Kreisfläche drehen sich Projektoren mit Aufnahmen von Schlingensief-Aktionen, an denen Braunschweiger Studenten beteiligt waren, etwa Vorarbeiten zur Inszenierung des „Fliegenden Holländers“ in der brasilianischen Amazonas-Metropole Manaus. Die Filmschnipsel gleiten geräuschvoll über Leinwände und Gazéschleier, auf denen sie schließlich langsam verblassen.

Bis 27. Sept., Di.-So. 11-17 Uhr.

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