Jugend-Schlägereien – Polizei prüft Video-Überwachung

Lebenstedt  Fast täglich gibt es Konflikte mit jungen Migranten. Die Stadt setzt auf Prävention.

Rund um das City-Carree in Lebenstedt häufen sich die Auseinandersetzungen. Die Polizei prüft eine Video-Überwachung.

Rund um das City-Carree in Lebenstedt häufen sich die Auseinandersetzungen. Die Polizei prüft eine Video-Überwachung.

Foto: Erik Westermann

Da ist der Faustschlag auf dem Spielplatz gegen einen jungen Flüchtling, da sind große Gruppen Türkeistämmiger und Syrer, die sich ans Leder wollen: Fast an jedem Tag meldet die Polizei Auseinandersetzungen im Stadtgebiet. Beteiligt: fast immer junge Migranten (unsere Zeitung berichtete). Ordnungshüter und Stadt planen erste Maßnahmen: etwa eine Videoüberwachung im Eingangsbereich des City-Carees, berichtet Polizeisprecher Björn Hirsch.

Die Zahl der Körperverletzungen bei Jugendlichen ist im Vorjahr sprunghaft gestiegen. Überproportional beteiligt sind der Polizei zufolge jugendliche Flüchtlinge. Und diese Entwicklung setze sich fort: Im Vergleich zum ersten Quartal 2016 stieg die Zahl der Körperverletzungen im gleichen Zeitraum 2017 noch einmal. Auch die Qualität der Gewalt sei erheblich, sagt Andreas Twardowski, Leiter des Jugendkommissariats. Man stellt etwa Messer in allen Varianten sicher.

Inspektionsleiter Wilfried Berg hält die Entwicklung für eines der drängendsten Probleme der Stadt für die kommenden Jahre. Die Großeinsätze binden viele Kräfte. Um einer drohenden Massenschlägerei am Bahnhof Herr zu werden, wo sich 40 Syrer und Türkeistämmige gegenüberstanden, brauchte es Unterstützung aus Braunschweig, dazu Hundeführer und Autobahnpolizei. Und auch die Vernehmungen im Nachgang, die nur mit Dolmetschern möglich sind, seien aufwendig.

Aus Sicht der Ordnungshüter sind die Gründe der Auseinandersetzungen vielfältig. Beteiligt sind laut Sprecher Björn Hirsch meist junge Männer zwischen 15 und 20 Jahren. Zum Teil lägen der Gewalt ethnische Konflikte zugrunde. Oft wüssten die Jugendlichen auch nichts mit sich anzufangen, ist der Eindruck von Kriminalhauptkommissar Twardowski. Der Eskalation läge häufig eine Gruppendynamik zugrunde: Aus Imponiergehabe gebe es wechselseitige Provokationen. Oft reagiere die eine Seite auf vermeintliche Flirtversuche, schildert Hirsch: „Hast du meine Schwester angeguckt?“ Ein Schulleiter berichtet, das Jugendliche, die während der Unterrichtszeit problemlos miteinander auskämen, in der Freizeit mit ihrer ethnischen Gruppe gegen die andere anträten.

Polizei und Stadt stimmen sich ab, um das Problem einzudämmen. Am Vatertag dürfen 18 Personen das Areal am Salzgittersee nicht betreten, Darunter Rädelsführer der drohenden Massen-Auseinandersetzungen, erklärt Polizeisprecher Hirsch. Am Einkaufszentrum City-Caree werde zudem eine dauerhafte Video-Überwachung geprüft. Überwachungsdruck könne das Problem aber nur bedingt lösen. „Dann treffen sich die Jugendlichen andernorts“, sagt Twardowski.

Der Oberbürgermeister sieht sich in seiner Forderung nach einer Wohnsitzauflage bestätigt. Dass die Stadt durch den schnellen, starken Zuzug von Flüchtlingen „an ihre Grenzen gestoßen ist, war bereits im Dezember Grund für Oberbürgermeister Klingebiel, sich ans Land zu wenden“, äußert Sprecherin Simone Kessner. „Trotz des Festhaltens an unserer Willkommenskultur, einer Vielzahl von Unterstützungsangeboten und einem beeindruckenden Engagement Ehrenamtlicher droht der soziale Frieden zu kippen.“ Die Kriminalitätsentwicklung könnte „ein weiterer Indikator dafür sein, dass Integration unter den aktuellen Voraussetzungen nicht sichergestellt werden kann – ohne Hysterie zu schüren.“ Auch Sozialdezernentin Christa Frenzel verweist auf den „schnellen und hohen Zuzug“. Ein Viertel der 4500 Flüchtlinge stamme aus der Gruppe der 15- bis 25-Jährigen. Frenzel baut auf mehr Prävention im Bereich der Straßen- und Schulsozialarbeit. Dafür brauche es Unterstützung vom Land. Über die Schulen wolle man mit Sozialtrainings oder Anti-Gewalt-Kursen die Jugendlichen zu erreichen, die aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse schwer anzusprechen seien. Frenzel: „Wir können sie nicht sich selbst überlassen, sondern müssen eine Gesprächsebene finden.“

Auch die Polizei hält mehr Präventionsarbeit für unerlässlich, sagt Inspektionsleiter Berg. Etwa mit festen Ansprechpartnern für die vier Stadtteile Gebhardshagen, Thiede, Salzgitter-Bad und Lebenstedt, in die der größte Teil des Zuzugs erfolgt. Stellen, die erst geschaffen werden müssten.

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder
Leserkommentare (8)